222 Zur neuesten Äeine-Literatur.
ebensowenig als früher den Schleier gelüftet. Es ist also be-greiflich genug, daß die Ansichten, welche in dem Familienkreisezu Heines Verteidigung verfochten waren, fortdauerten undspäter, so oft eine entgegengesetzte Ansicht auftrat, wiederholtwurden.
In dem „Buche Le Grand" hat Heine in übermütigerLaune von dem „Trinkgeld" gesprochen, das „die grün ver-schleierten, vornehmen Engländerinnen dem Dienstmädchengeben würden, wenn es ihnen die Stube zeige, in welcher erdas Licht der Welt erblickte." Diese Vorhersage hat sichnicht erfüllt: sein Geburtshaus ist von der Erde verschwunden,und wenn ein Fremder in Düsseldorf nach Liemes Denkmalfragte, so müßte mau auf die ferne Insel hinweisen, aufwelcher voreinst der Dulder Odysseus nach mancherlei Drang-salen gastliche Aufnahme fand. Aber in die Kammer desHerzens, in welcher so viel anmutige, liebes- und leidvolleGedanken ihren Ursprung nahmen, in die geheimnisvolleWerkstatt poetischen Schaffens einzudringen, hat man seitgeraumer Zeit ein unwiderstehliches Verlangen gefühlt undendlich auch den Weg gefunden. Ob Heine den Biographen,die ans Licht zogen, was er selbst verhüllte, danken würdewer kann es sagen? Aber keinenfalls hätte er Grund,sich zu beschweren, daß die genauen Nachforschungen in diesemFalle einen Flecken auf seinen Charakter geworfen, daß siesein Denken und Empfinden als unwahr oder unwürdig bloß-gestellt hätten. Man hat im Gegenteil sich überzeugen müssen,daß ein Dichter, dem man so oft erlogene Liebespein undbloßes Tändeln mit der Leidenschaft zum Vorwurf machte,in den entscheidenden Verhältnissen seines Lebens, da, wo erernsthaft redet, aus tiefstem Innern schöpft, und selbst da,wo er zu scherzen sich den Anschein gibt, oft nur die schmerz-lichsten Regungen seines Gemütes verbirgt. Auf dieser ge-steigerten Schätzung eines Mannes, dem viele vieles ver-danken, beruht auch der erfreuliche Eindruck, den die jetztveröffentlichte Briefsammlung hinterläßt. Das Verhältnis