Druckschrift 
Heinrich Heine : Gesammelte Aufsätze
Entstehung
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

Äillebrands Brief.

101

eines Freundes erhielten, der ihren Wert und den Wert desDichters zu schätzen verstand.

Professor Killebrand schreibt:

Florenz, 7. Januar 1876.

Sie fragen mich, ob ich Ihnen nicht etwa interessanteNotizen über Keine mittheilen könnte, in dessen Krankenstubeich vor mehr als einem Vierteljahrhundert so viele Tageverbracht. Leider hielt ich kein Tagebuch, und trotz meinerdamaligen Begeisterung für den Dichter und meiner An-hänglichkeit an den Menschen war ich jugendlich leichtsinniggenug, all das schöne Gold, das aus des Dichters Mundefloß, anstatt es sorglich aufzuspeichern, durch die Fingergleiten zu lassen. Denn er war ein Verschwender: Witz undBild strömten ohne Unterlaß von seinen Lippen, und manhätte nur kein jämmerliches Sieb sein müssen, wie ich eswar, um den Strom aufzufangen. Doch will ich versuchen,einzelnes Tatsächliche in mein Gedächtniß zurückzurufen, in-dem ich jedoch sorgfältig alles Persönliche des Dichters, alleBeziehungen zu Frau und Freunden bei Seite lasse; denngerade die Sicherheit, mit welcher man in meiner Gegenwarthandelte und sprach, legt mir in dieser Beziehung Ver-schwiegenheit auf.

Ich kam im Spätherbst 1849 nach Paris und wardbald darauf durch einen alten Zeitungskorrespondenten, KerrnLöwenthal, bei Keine vorgestellt, der meines Vaters Werkekannte und die etwas allzustrenge Kritik im dritten BandederNationalliteratur" keineswegs übel genommen hatte.Wir wurden bald handelseinig, und obwohl meine Kasse da-mals recht schlimm bestellt war, wären wir auch handelseiniggeworden, wenn der Dichter mir seine harten Fünffranken-thaler, die er seufzend aus der rothen Börse unter dem Kopf-kissen hervorzuziehen pflegte nicht angeboten hätte. Er wardamals schon an sein Bette (in der rue ck'^mskercksm) ge-fesselt, wenn man anders dies Matratzenlager ein Bett nennen