Vorwort zum erste» Teil. 5
gedichten tritt er unerfreulich genug hervor. Man kann nursagen, daß Vielen viel Ärgeres nachgesehen worden ist, dielängst nicht die gleiche Genugtuung gegeben haben. Andwarum will man zur Beurteilung eines Menschen nur dasSchlechte in Anrechnung bringen? Keine war ein vortreff-licher Sohn, ein guter Bruder, seine Frau hat sich niemalsüber ihn beklagt; gegen Freunde, obgleich man eine wirk-liche Andankbarkeit schwer verzeihen kann, zeigt er sich treu,hingebend, aufopferungsfähig, selbst Fremden gegenüber immerbereit, wohl zu tun und Külfe zu bringen. And hat wohljemand in höherem Maße von der Macht des Geistes unddes Willens über den Körper Zeugnis gegeben, als er, demso oft das Gegenteil zum Vorwurf gemacht wurde? Wofindet sich in der ganzen Literaturgeschichte ein zweites Bei-spiel, daß ein Dichter aus einem solchen Siechbett nicht alleinseine dichterische Kraft behalten, sondern auch mit dem ganzenErnst, der vollen Gewissenhaftigkeit eines Künstlers gearbeitethätte?
Was von der Person des Dichters gilt, gilt noch mehrvon seinen Werken. Nicht das Schlechte und Gemeine,sondern das Große und Gute, das sie enthalten, gibt ihmden Platz im Kerzen seines Volks und in der Literatur-geschichte. Streicht man die vier oder fünf Dutzend Strophen,die er besser nicht geschrieben hätte, so bleibt noch immergenug, ihm unter den lyrischen Dichtern aller Zeiten eineder ersten, unter den deutschen die zweite Stelle nach Goetheanzuweisen. Selbst seine schlechten Eigenheiten sind fürunsere Literatur nicht in solchem Maße gefährlich gewesen,wie man wohl hätte fürchten können. Niemand, auf denes ankommt, hat sie nachgeahmt; Keine ist der einzige deutscheDichter geblieben, der es versucht hat, in die lyrische Poesiefranzösische Vorbilder einzuführen, die, Gott sei Dank, auchaus dem Theater nur in Übersetzungen erscheinen dürfen!
Doch es ist hier nicht der Ort und nicht meine Absicht,auf eine Charakteristik Keines oder seiner Werke einzugehen.