4 Vorwort zum erster Teil.
In Deutschland hat es gewiß den Dichtungen nicht anTeilnahme gefehlt. Aber welche Arteile werden noch immerüber den Dichter laut, obgleich er doch zu der nicht ebengroßen Zahl deutscher Schriftsteller gehört, die einen würdigenund — in diesem Falle doppelt wertvoll — durchaus nichteinseitig preisenden Biographen gefunden haben. Heine teiltdas Schicksal Byrons auch darin, daß er im Auslande weithäufiger einer rückhaltslosen Bewunderung und wohl niemalseinem so herben, verdammenden Tadel begegnet ist, als inder Heimat. Einigermaßen mag der Grund darin liegen,daß man im Auslande den Charakter des Dichters weniger,und von seinen Werken nur die besten kennt. Wer dürfteleugnen, daß man in dem Gesamtbilde seines Wesens undWirkens manche Eigenheit lieber nicht sehen würde? Aberetwas anderes ist es, dies einräumen, und etwas anderes,einem Dichter jedes sittliche Gefühl, jede männliche Würde,jedes ernste Streben absprechen, einem Dichter, dem mandoch wieder, oft in demselben Satze, zugesteht, daß einzelnesin seinen Werken an Anmut und Feinheit des Gefühls, anSchwung und vollendeter Schönheit des Ausdrucks sich deinHöchsten gleichstellen könne. Ich will gewiß nicht Künstlerund Dichter nach dem Maßstabe der Moral klassifizieren,aber das kann man doch sagen, daß Kunst und Poesie zuenge mit dem Edelsten in der menschlichen Natur verwachsensind, als daß ein ganz nichtswürdiger Mensch ein vollendetesKunstwerk, eine dem Höchsten gleichzustellende Dichtung her-vorbringen könnte.
Niemand, der den Dichter liebt, wird nicht zugleich be-dauern, daß er sein Talent so oft dem Anwürdigen undGemeinen zugewandt, daß er über das Höchste und Heiligsteso oft mit frivolem Spott und cynischer Dreistigkeit sich aus-gelassen habe. Man kann auch nicht zur Entschuldigunganführen, dieser Hang sei erst durch die nicht erwiderte Nei-gung, durch spätere Lebensverhältnisse, etwa durch den Aufent-halt in Paris, hervorgerufen; schon in den ersten Jugend-