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Neben den Fragen von Zweck und Form ging ich aus von Kunstschulen. DieFrage der „Architektonischen Kinderstube" bleibt oft für das ganze Leben unsererBaukünstler entscheidend (s. S. 9). Hermann Muthesius' Ziel als Dezernentfür Kunstgewerbeschulen im preußischen Handelsministerium (s. S. 14) war eine„Allgemeinschule für das Gesamtgebiet der angewandten Künste, in der Archi-tekten, Maler, Bildhauer, Kunstgewerbe und Gärtner auf einheitlicher Grundlageausgebildet werden 1 ". Den Zustand der damaligen Architekturabteilungen derpreußischen Technischen Hochschulen und Kunstakademien, die aber einem an-deren Ministerium unterstanden als dem Handelsministerium, empfand er alshoffnungslos. Er hat sich darüber mündlich und schriftlich oft geäußert und diewahren Gründe der Mißstände besser erkannt als irgendeiner. Seine intimen Kennt-nisse der baukünstlerischen Bestrebungen der Firma Krupp in Essen und örtlicheSchwierigkeiten in Berlin 2 lenkten sein Augenmerk auf Düsseldorf und dessen in-dustrielles großes Hinterland. Orte wie Barmen, Elberfeld, Solingen und Krefeldsollten an Stelle der veralteten Kunstgewerbeschulen, die doch nur noch zweckloseOrnamentzeichner ausbildeten, „schools for practical arts" erhalten, zugeschnittenfür die örtlichen industriellen Bedürfnisse, also Fachschulen für Textil und Metall;Düsseldorf sollte dann die „Allgemeinschule für das Gesamtgebiet der angewandtenKünste" werden. Kreis' anregende Lehrbegabung hat Muthesius' Pläne in Düssel-dorf verwirklicht. Der große Erfolg seiner Düsseldorfer Architekturabteilung undihres Zusammenarbeitens mit dekorativen Künsten und Gartenkunst wurde deralternden Düsseldorfer Kunstakademie eine Gefahr (s. S. 10). Diese Gefahr und diedringende Notwendigkeit der Reform der preußischen Kunstakademien erkannteneben Muthesius keiner klarer, als der Düsseldorfer Akademiedirektor FritzRoeber, und zwar weit früher, als man im Kultusministerium praktisch sich mitdieser Frage beschäftigte. Roeber wußte als Schöpfer des Düsseldorfer Kunst-gewerbemuseums und durch innige Beziehungen zum Kunsthandwerk genau umdie Mängel seiner Akademie: Die Architekturabteilung und die Klassen für deko-
1 Hermann Muthesius, „Kunstgewerbe und Architektur". Jena 1906.
2 „örtliche Schwierigkeiten in Berlin": Die Kunstgewerbeschulen zu Berlin und Breslauunterstanden nicht dem Handelsministerium, sondern dem Kultusministerium. Die Gründe dafürsind einfach grotesk vormärzlich. Es handelt sich um nichts anderes als die Laune der künst-lerisch interessierten damaligen Kronprinzessin Friedrich Wilhelm von Preußen und deren Ab-neigung gegen Bismarck. Als nämlich Bismarck das Handelsministerium schuf, fehlte es demneuen Ministerium an genügender „Masse" gegenüber den anderen Ministerien. Zu den Belangendes Handels und Bergbaus übertrug man ihm daher noch die Kunstgewerbeschulen. Das war ansich natürlich vollkommen verfehlt. Man hätte besser nach französischem Vorbilde im Kultus-ministerium ein Staatssekretariat „des Beaux Arts" schaffen sollen, das neben der allgemeinenKunstverwaltung und der Denkmalpflege alle Kunstschulen betreut. Die Abneigung der Kron-prinzessin gegen eine Bismarcksche Einrichtung setzte es nun durch, daß die Kunstgewerbeschulezu Breslau, wo damals der Kronprinz als Kommandierender General weilte, und für den BerlinerHausgebrauch die dortige Kunstgewerbeschule nicht dem Handelsministerium, sondern demKultusministerium unterstellt wurden. Diese Spaltung ist dann glücklich bis heute beibehaltenworden! Ressortspannungen zwischen beiden Ministerien haben die Frage der Reform unsererKunstschulen natürlich sehr erschwert. Muthesius hätte als Dezernent im Kultusministeriumseine Reformpläne erfolgreicher durchsetzen können.