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Was den Backsteinbau vor und nach dem Kriege bei uns trennt, das ist eben dielange Baupause während des Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren. Imbenachbarten Holland fehlt das Trennende. Von Berlages Börse zu Amsterdam ausden letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart eine zusammen-hängende, ununterbrochene Entwicklung. Der Vergleich mit Holland drängt sichfür uns von selbst auf durch gleiches Baumaterial und die Verwandtschaft deslandschaftlichen Charakters der Ebene.
Bei Ausbruch des Weltkrieges waren wir in den Rheinlanden, was Siedlung,neuen Backsteinbau und Monumentalbau, Erkenntnis der Gestaltung auf geome-trischer Grundlage, Materialgefühl und neue künstlerische Versuche mit neuemMaterial anlangt, mit Holland ziemlich in gleichem Schritt. Aber damit soll nichtgeleugnet werden, was die neue Baukunst am Niederrhein dem benachbartenHolland zu danken hat, seitdem wir jahrhundertalte künstlerische Beziehungenwieder aufgenommen hatten. Von Berlage und Lauwericks war oben schon dieRede (s. S. 22). Aber schon früher setzte in Holland die Gesundung ein. Manmuß das kurz streifen, um bei unseren Zusammenhängen mit Holland neueholländische Baukunst aus ihren Anfängen heraus verstehen zu können. Bei unsherrschte noch weit in das 20. Jahrhundert hinein eine unheilvolle Nachwirkungder in Schematismus versteinerten Kölner Dombauhütte (s. S. 10) und der nichtweniger unheilvolle Einfluß des künstlerischen Beraters des erzbischöflichenStuhles zu Köln und Begutachters in Bausachen, eines geistlichen Kunsthistori-kers, der vollkommen befangen war in kunstgeschichtlichem Formalismus. DasResultat: der katholische Kirchenbau in den Rheinlanden bis zum Ausbruch desWeltkrieges. Die protestantische Kirche war wohl schon beweglicher geworden,auch durch neue Aufgaben der kombinierten Kirchenbauanlage (s. S. 89ff). Aberum Jahrzehnte voraus war uns Holland. Hier war in den 70er und 80er JahrenPeter Cuypers tätig (1827—1921). Er war der reformierende Baurationalist.Nicht, daß er sich hätte ganz freimachen können von historischen Bauformen; erbaute gotische Kirchen und um 1880 in Renaissanceformen in Amsterdam Reichs-museum und Hauptbahnhof. Aber erstlich war er frei von allem kunstgeschicht-lichen Formalismus. Das Befreien vom Zwang geschichtlicher Baukunst lag inCuypers freier Art, der Verwendung alter Formen. Er war der gelehrt einsichtigeSchüler und Anhänger des Franzosen Eugen Emanuel Viollet-le-Duc (1814 bis1879), dessen Grundlehre lautete: „Alle Formen, die nicht durch die Konstruktionangezeigt erscheinen, müssen abgelehnt werden." Vor allem aber: Cuypers istder Wiedererwecker des Backsteinbaus in Holland, der erste, der wieder Sinnhatte für die Behandlung des Backsteins und die künstlerische Wirkung seinerFlächen. Sein Nachfolger, anfänglich ebenso wie Cuypers noch in historischenFormen lebend, dann sich ganz frei davon machend, ist der heute noch immerrüstig tätige, hochverdiente und von seinen Landsleuten hochgeachtete HenrikPetrus Berlage 1 . J. J. P. Oud, der Stadtbaumeister von Rotterdam, der Schöp-
1 Es hat etwas rührend Achtunggebietendes, mit welcher stolzen, sich selbst ehrenden Hoch-schätzung der Holländer von seinen verdienten Meistern des 19. Jahrhunderts redet, von Cuypersund Berlage, von den Malern Israels, Mesdag usw., während bei uns eine snobistische Schlagwort-