22
unweigerlich das kurze Röckchen? Warum wirkt der Bubikopf mit langem Rockwie eine Karikatur, ganz abgesehen davon, daß bei der berufstätigen Frau langerRock wie langes Haar höchst unzweckmäßig sind? Warum kann ich zum Frackkeinen Schlapphut tragen? „In Kleidung und Haartracht sehen wir zu jeder Zeitdie Regel beachtet, daß schmückende Zutaten des Kopfes ebensolche des Körpersan den entsprechenden Stellen zur Folge haben. So erfordern auf die Schulterherabhängende Haare Schleppgewänder, die Anhäufung der Haare am Hinterkopfeine Aufbauschung der Kleider auf dem entsprechendenKörperteil. Der Voll-bart findet im weiten, faltigen Gewand, das den Unterkörper der Zeusstatuen um-hüllt, eine klassische Analogie. Ferner haben Hüte mit breiten Krempen große Mantel-kragen zur Folge. Wer seinen Kopf in einen Zylinderhut klemmt, muß sich aucheinen steifen, faltenlosen Paletot gefallen lassen." —Ähnliche Figuren! Man könntegleiche Dinge der Ähnlichkeit auch in der Farbe nachweisen. Nun die Frage desWohlgefallens an ähnlichen Figuren: „sich aus den verschiedenen Gesichtseindrückeneine Vorstellung vom Ganzen zu bilden. Je einfacher die Beziehungen der Teilezueinander und je öfter sich dieselben wiederholen, um so leichter kommt das inneregeistige Anschauungsbild zustande. Bloße Ähnlichkeit der Figuren ohne Variationenund Kontrast würde man mit Recht eintönig und langweilig finden. Eben deshalbbedarf dieses Gesetz einer Ergänzung durch den Kontrast, der Kontrast einer Er-gänzung durch die Proportion. Kontrast ohne etwas Gemeinsames würde nurstörend, herausfordernd oder sogar lächerlich erscheinen. Das ästhetische Urteildes Auges wird durch die Analogie in der Mannigfaltigkeit befriedigt. Gilt nichtdas gleiche vom ästhetischen Urteil des Ohres? Was ist der Reim, auf welchemder eigentümliche Zauber der modernen Poesie beruht, anderes als dieser Gleich-klang, der nicht zur Identität werden darf, der eben in seiner Verflechtung mit demMannigfachen und Wechselnden ergötzt? Wir kennen jetzt auch einen Reimin der Architektur. In der Musik schreibt der Generalbaß ähnliche Regeln vor.Überhaupt gibt es für die Beziehungen des Schönen in der Welt der Töne und in derWelt der Gestalten einen gemeinsamen Begriff und Ausdruck: „Harmonie". —Harmonie in der Baukunst ist eben die Analogie der Teile mit dem Ganzen."
Diese Erkenntnis war neben der Forderung zweckmäßigen und materialgerech-ten Gestaltens ein nächster wichtiger Schritt zur Gesundung unserer Bau- undWohnkultur. Unabhängig von Thiersch kam der Holländer Petrus HendrikBerlage zu ähnlichen Resultaten. In seinem Buche „Grundlagen und Entwick-lung der Architektur" (1908) ist das geometrische Fassadenschema seiner Börsein Amsterdam wiedergegeben. Gerade beim flächenhaften Backsteinbau, der nichtin dem Maße wie der Hausteinbau dekorative Formen entwickeln kann, liegt dieMusik lediglich in den guten Verhältnissen. J. L. Lauwericks, den Behrens an dieDüsseldorfer Kunstgewerbeschule berief, und der übrige Kreis um Berlage arbeitetenähnlich. 1905 veröffentlichte Behrens sein geometrisches Fassadenschema für dieOldenburger Ausstellung. Jeder Einzelheit war der bestimmte Platz vorgeschrieben.Man muß die entsprechende Stelle einmal nachlesen in dem 1913 erschienenen Buch„Peter Behrens" des leider allzufrüh verblichenen Fritz Hoeber. Schließlich seihier noch ein Proportionsschema von Le Corbusier aus dem Jahre 1916 wieder-