Eine andere irrige Voraussetzung war, daß man das „individuelle Ornament"gar nicht aus der Konstruktion, dem Material und dessen handwerklichem Arbeits-prozeß entwickelte. An Stelle des handwerklich materialgerecht Entstandenentrat individuelle Willkür. Damit ist aber keine geschichtlich bleibende Form zuschaffen. Jugendstil blieb daher Modesache. Auch das 18. Jahrhundert hatte ein-mal eine verwandte Modeerscheinung durch den Einfluß chinesischen Porzellans,die sog. „Chinoiserie". Aber klugerweise beschränkte man sich auf die Ausschmük-kung kleiner, intimer Kabinette oder auf die Anlage launiger Gartenhäuschen. Inder Form wäre das leider 1925 total unnötigerweise beseitigte Milchhäuschen imHofgarten zu Düsseldorf eine amüsante Erinnerung an die Zeit des Garens um 1900geblieben (Bild S. 5). Doch der Jugendstil, die „dekorative Baukunst", wagte sichim Bewußtsein einer großen kulturellen Mission an große Bauaufgaben. Da mußteunvermeidlich die reformierende Bewegung scheitern, weil sie die äußere dekorativeForm für das Wesen baukünstlerischen Gestaltens gehalten und damit die tieferenGründe des Verfalls unserer Bau- und Wohnkultur im 19. Jahrhundert gar nichterkannthatte, eben das, was uns im Laufe desl9. Jahrhunderts verlorengegangen war,was Schinkel vor 100 Jahren in diese Formel faßte: „Zweckmäßigkeit ist das Grund-prinzip alles Bauens. Zweckmäßigkeit eines jeden Gebäudes, das ein geistigesvoraussetzt, ist Zweckmäßigkeit der Raumverteilung, höchste Ersparnis des Rau-mes, höchste Ordnung in der Verteilung, höchste Bequemlichkeit im Raum. Zweck-mäßigkeit der Konstruktion: bestes Material, beste Bearbeitung und Fügung desMaterials, sichtbarste Andeutung des besten Materials, der besten Bearbeitungund Fügung des Materials; Zweckmäßigkeit des Schmuckes und der Verzierung:beste Wahl des Ortes der Verzierung, beste Wahl der Verzierung, beste Bearbeitungder Verzierung." — Das gab Schinkels Zweckbauten, seinen Kasernen, Militär-gefängnis, Bauakademie, Entwurf eines Kaufhauses in Berlin, Leuchtturm inArkona, dem ehemaligen Gymnasium in Düsseldorf und der Sternwarte und demAnatomischen Theater in Bonn, dem heutigen Akademischen Kunstmuseum imHofgarten, den bleibenden künstlerischen Wert. — Bauten, die wie Werke „neuerSachlichkeit" wirken.
Das Schwinden des Sinnes für zweckmäßiges Gestalten in der Baukunst im19. Jahrhundert hat mehrere Gründe. Einer der Gründe ist, daß im Laufe desJahrhunderts die Führung in praktisch künstlerischen Fragen den schaffendenKünstlern genommen und den Kunsthistorikern übertragen wurde. Man denkesich aus, wenn man folgerichtig den Kriegshistorikern von Hannibal bis zu denBürgerkriegen in Mexiko und China einen Einfluß auf die Kriegführung im Welt-kriege eingestanden hätte, den politischen Historikern auf diplomatische Verhand-lungen, wenn unsere Wirtschaftshistoriker Vormünder unserer Industrie- undHandelskapitäne gewesen wären! Der Historiker bleibe Historiker! So auch in derKunst! Er sei Sammler, Registratur, Forscher, Konservator, Museumsmann, Ver-waltungsbeamter, als solcher auch wohl Kunstschulverwalter, auch Anwalt, abernicht Vormund einer neuen Kunst wie im 19. Jahrhundert! Schon die Bevormun-dung Schadows durch Goethe und Goethes „Weimarer Konkurrenzen" sind bezeich-nend für die Einstellung des 19. Jahrhunderts, dann, daß im Kampfe um die „farbige