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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Hrotsvit von Gandersheim. 623

benutzten Vorbildern (Boethius) ein. Hrotsvit nennt allerdings an 'denbetreffenden Stellen das Vorbild nicht, 1 ) aber in dem Briefe an die Sapientes,deren Bekanntschaft mit Boethius sie voraussetzen konnte, gesteht sie ihreAbhängigkeit zu.

Und wie diese Vorreden merkwürdig sind wegen ihrer Aufrichtigkeitund wegen der darin niedergelegten überzeugungstreuen Klarheit, so sindauch die Stücke selbst bemerkenswert, auf die sie sich beziehen. Wennman von Ekkeharts Waltharius absieht, gewinnt man vielleicht durch keinanderes Werk jener Zeit einen so klaren Eindruck von der ganzen litera-rischen Auffassung, die man in die Dichtung hineinlegte, als eben durchHrotsvits Dramen. Zunächst muß hier der Meinung begegnet werden, alshabe die Dichterin ihre Dramen etwa für die Aufführung geschrieben:Sie hat daran ebensowenig gedacht, 2 ) als die Stücke von Terenz damalsaufgeführt worden sind; ihre Stücke sind, wie Creizenach 3 ) richtig hervor-hebt, zugleich gelehrte Lesedramen und geistliche Dramen; sie haben dieeigentliche dramatische Literatur des Mittelalters, die zunächst trotz geist-lichen Ursprungs durchaus volkstümlich ist, überhaupt nicht beeinflußt,denn sie sind in gewissem Sinne Kunstschöpfungen. Daß Hrotsvit mitihnen die Lektüre des Terenz verdrängen wollte, ist nach ihrer eignenAussage eine unbestreitbare Tatsache. Man muß aber eigentlich sagen,daß sie den Teufel mit Beelzebub austrieb. Ob sie freilich, wie man be-hauptet hat, 4 ) ihre Ansicht vom Wesen der Komödie nach einem Theoretikergebildet hat, der, wie Isidor, die unzüchtigen Liebeshändel als zum Wesender Gattung gehörig betrachtete, möchte ich dahingestellt lassen; denn dieBezeichnung der Stücke als Komödien 5 ) ist überhaupt irreführend, undHrotsvit deutet durch nichts an, daß sie sich nach alter Theorie gerichtethabe. Aber sie erinnert in der Wahl ihrer Stoffe doch insofern an Terenz,als es sich in ihren Stücken doch meist um die Liebe handelt, die aller-dings in christlichem Sinne als Sünde angesehen wird; so behandeln zweiDramen die Bekehrung gefallener Mädchen und zwei weitere stellen dar,wie die sinnliche Liebe der Männer jungfräuliche Heiligkeit nicht zu er-obern imstande ist, also ähnliche Themen wie in den Legenden.

Ihren ersten dramatischen Versuch machte Hrotsvit damit,, daß sie dieAkten über den Märtyrer Gallicanus in Gesprächsform umsetzte. Indemsie nämlich an Stelle der epischen Erzählung den Wechsel von Rede undGegenrede mit Ausschaltung aller erzählenden Bestandteile setzte, glaubtesie das Gesetz des dramatischen Stils getroffen zu haben, wenn sie nurdas in ihrer Quelle aus der Vergangenheit Erzählte in die Gegenwartbrachte. Dieser erste Versuch weist sich allerdings noch als durchauskunstlos aus, denn indem sie die ganze Erzählung aus jenen Akten einfachin das Drama hinübernahm, kam sie zu einer richtigen Doppelhandlung, inderen erster Gallicanus den Helden spielt, während in der zweiten Paulus

!) Nur wird Pafn. 1,15 (p. 165,22) aufBenutzung von Quellen angespielt.

2 ) Vgl. Strecker S. 630 f.

3 ) Geschichte des neueren Dramas 1,19.

4 ) Creizenach, Gesch. d.neu. Dramas 1,18.

Außerdem ist es doch fraglich, ob hunderts.

die Dichterin in ihrem Terenzexemplar über-haupt das Wort Comoediae gelesen hat; inalten Aufschriften begegnet wohl die Be-zeichnung der Stücke als fabulae oder co-moediae, aber erst seit der Mitte des 13. Jahr-