622
Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
von Schamröte Übergossen worden, als sie durch diese Dichtungsart ge-zwungen worden sei, die verabscheuungswürdige Torheit der Liebendenund ihre verführerischen Reden darzustellen. Auf andre Weise hätte sieihren Zweck nicht erreichen können, nämlich die Unschuld zu preisen, durchdie das schwache Weib den Sieg erringe und das starke Geschlecht be-schämt werde. Und sie scheue den Vorwurf nicht, daß ihre Nachahmungdas Vorbild in keiner Weise erreiche, denn sie maße sich gar nicht an,mit den großen Geistern des Altertums oder mit deren Schülern in Wett-streit zu treten, sondern sie wolle nur dem Geber ihres Geistes danken.Freuen werde sie sich, wenn ihr Werk gefalle; werde es aber aus Ver-achtung gegen die Verfasserin oder wegen des unbehilflichen Ausdrucksvon allen abgelehnt, so habe sie trotzdem an dem Gefallen, was sie voll-bracht habe. Damals wußte Hrotsvit aber schon, daß sie an einigenKlerikern wohlgesinnte Gönner habe, die ihre Dramen bewunderten. Andiese nämlich richtete sie, wahrscheinlich mit einem Exemplar der Dramen,einen Brief, den sie später in die Gesamtausgabe aufnahm. Hierin gibtsie ihrer großen Freude darüber Ausdruck, daß jene Männer, die doch ganzbesonders durch philosophische Studien gebildet und in den Wissenschaftenungemein erfahren seien, das Werk des schwachen Weibes der Bewunderungfür wert gehalten hätten. Sie habe ihre Dichtung bisher nur wenigen Be-freundeten gezeigt und daher habe sie mit dieser Beschäftigung fast inne-gehalten, da sie nur von ganz wenigen aufgefordert worden sei, darin fort-zufahren. Aber nun habe sie das Zeugnis von drei kompetenten Männern,das sie ermutige, ihr Werk fortzusetzen. Sie wisse übrigens, daß sie alsein unterrichtbares Geschöpf von Natur zum Erlernen der freien Künstegeeignet sei, denn Gott habe ihr den Geist des Erfassens gegeben; aberder Wirklichkeit nach sei es ihr klar, daß sie nichts wisse, da es ihr so-wohl an geeigneten Lehrern wie auch am eignen Fleifie gefehlt habe. Unddaher habe sie einzelne Fasern und Fäden vom Gewände der Philosophiegenommen und ihrem Werke einverwebt, 1 ) damit die Kümmerlichkeit ihreseignen Geistes von dieser Vermischung mit echter Wissenschaft um soschärfer sich abhebe. So brüste sie sich keineswegs mit fremdem Gute,denn sie wisse nur, daß sie nichts wisse. Und sie gebe nun ihr Werk,das sie bisher fast ängstlich verborgen habe, ihnen zur Kenntnisnahme,um es zu verbessern und dann ihr zurückzuschicken. Aus diesem Briefeder ad quosdam sapientes huius libri faidores gesandt ist, ergibt sich, daßHrotsvit den Unterschied alter, echter Wissenschaft von dem schulmäßigenBetriebe ihrer Zeit sehr wohl kannte, und daß sie, die Christin, von derantiken Philosophie doch einige Kenntnis hatte, und daß diese auf ihrenGeist nicht ohne Wirkung geblieben war, wenn sie sie auch in christlichemSinne umdeutete. Zweitens aber geht daraus hervor, daß ihre weiblicheliterarische Ehrlichkeit größer war, als wir sie bis jetzt bei den Klerikernkennen gelernt haben, denn sie gesteht unumwunden die Abhängigkeit von
') Das bezieht sich auf die aus Boethiusgenommenen Stellen im Pafnutius und inder Sapientia, vielleicht auch auf die Be-
nutzung der Categoriae von Pseudo-Augustinim Calimachus.