Zweites Buch.Der karolingische Humanismus und sein Verfall.
Einleitung.
Die Darstellung der römischen Literatur in der früheren Epoche hattegezeigt, daß der nun längst in der Hauptsache christlich gewordeneInhalt des Schrifttums sich mit der römischen Form zu einem unauflös-lichen Ganzen verbunden hatte. Unausgesetzt zehrten die christlichenSchriftsteller an dem gewaltigen Erbe, das sie von ihren römischen Vor-gängern überkamen, und suchten besonders nach der formalen, aber auchnach der stofflichen Seite diesen nahezukommen und damit die alte Geistes-bildung für die Nachwelt zu bewahren. Es hatten sich hier im Laufe derZeit mehrere Zentren für die höhere Geistesentwicklung ausgebildet, aberschon am Ende der vorigen Periode war es doch zu einer Fusion derselbengekommen. Noch war Italien der Hauptbüchermarkt für das Abendlandgeblieben, Rom selbst aber hatte seine führende literarische Stellung in Italienan Ravenna abtreten müssen und schon machte sich die neue Langobarden-hauptstadt Pavia als Sammelort für die Träger von Wissenschaft und Kunstgeltend, die sich hier um den königlichen Hof scharten. Zugleich aberentstand zwischen Rom und Benevent in dem Kloster Montecassino eingeistiger Mittelpunkt, an dem allerdings zunächst nur die eigentlich christ-liche Literatur eine Stätte fand, wo aber doch schließlich in Anlehnungan die geistige Hinterlassenschaft Cassiodors auch das profane Schrifttumnicht nur gesammelt, sondern auch in der Schule gelesen und erklärtwurde. Für die literarischen Verhältnisse des langobardischen HerzogtumsBenevent hatte fortan das Mutterkloster Montecassino eine nicht geringeBedeutung, die sich sehr bald am Anfang der karolingischen Zeit in derPerson des Paulus diaconus glänzend offenbarte. Aber auch noch in einerandern Beziehung behauptete Italien eine tonangebende Stellung. Im Südender Halbinsel war nämlich neben Romanen und Langobarden das griechischeBevölkerungselement wichtig geblieben und von hier aus wußte die päpst-liche Kurie wohl immer neue Ergänzungen der griechischen Monchskoloniein Rom vorzunehmen, die bei dem während des 8. und 9. Jahrhundertserhöhten Verkehr zwischen der Kurie und Ostrom zu einer Notwendigkeitgeworden war. Und da Ravenna eine Zeitlang Hauptsitz der griechischenHerrschaft in Italien gewesen und die Langobarden wegen der Nachbar-
16*