Vorwort.
Vorliegendem Versuche habe ich einige Worte voranzustellen, die zuseiner Rechtfertigung beitragen möchten.
Zunächst ist die frühere Literatur über den Gegenstand nicht irgend-wie erschöpfend. Allerdings ist die „Bibliotheca latina mediae et infimaeaetatis" von Jo. Alb. Fabricius immer noch in gewissem Sinne unentbehrlich,wie ja auch dies Buch von der richtigen Annahme eines lückenlosen Zu-sammenhanges der lateinischen Literatur überhaupt hervorging; aber dasWerk verfolgt doch wesentlich andere Ziele, als sie heute gesteckt werdenmüssen. Adolf Eberts „Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittel-alters im Abendlande" führt die Darstellung nur zum Beginn des 11. Jahr-hunderts und ist stellenweise sehr lückenhaft; außerdem fehlt es hieröfters an der nötigen kritischen Behandlung, da Ebert zu selten auf hand-schriftliches Material zurückging. Sehr verdienstlich ist die mehr regesten-artige Zusammenstellung des Materials von G. Gröber im „Grundriß derromanischen Philologie" Bd. II, 97—432. Freilich hat auch diese umfäng-liche Sammlung nicht wenig Lücken aufzuweisen und sie wurde zu einerZeit abgeschlossen, die die Benutzung der zahlreichen neuesten Forschungennicht ermöglichte. Eine sachlich und kritisch musterhafte Behandlung desStoffes von Cassiodor bis Eusebius erfolgte in der enzyklopädisch angelegtenSchrift „Einleitung in die lateinische Philologie des Mittelalters" (S. 145bis 176), die soeben aus Ludwig Traubes Nachlaß erschien. 1 ) Was Traubefür das Gesamtergebnis sowie für einzelne große Teile desselben geleistethat, ist unvergeßlich; er hat ja besonders die Methode für die lateinischePhilologie des Mittelalters begründet, und von seinen tiefgehenden Unter-suchungen legt fast jede Seite meines Versuches Zeugnis ab.
So erschien eine zusammenfassende Darstellung des ganzen Gebietesimmer noch notwendig. Hierbei erhob sich nun die wichtige Frage, wieder große Stoff zu gliedern und anzuordnen sei. Die vollkommenste An-ordnung wäre vielleicht eine von geistigen Mittelpunkten oder Schulen aus-gehende Gliederung, da sie wohl am meisten das genetische Prinzip zurAnschauung bringen würde; so hat auch Traube (S. 140) an eine Gruppierungnach Mönchsorden gedacht. Aber wir sind doch vielfach erst nur in denAnfängen der Erkenntnis der hierfür bedingend auftretenden Verhältnisse,und bei der großen Dürftigkeit der Nachrichten über Jugendbildung und
') Herr Kommerzienrat 0. Beck, dessen I zu erwähnen habe, hatte die Güte, mir dasrastlose Fürsorge und Beratung für diesen Buch noch vor dem Erscheinen zuzusenden.Band ich auch hier mit besonderem Danke