Erster Abschnitt.
Die universalen Schriftsteller.
Ä
1. Boethius.
nicius Manlius Severinus Boethius gehört in Hinsicht auf die Viel-seitigkeit seiner Schriftstellerei und mehr noch wegen der Wichtig-keit, die seine Werke für die Welt im nächsten Jahrtausend besessenhaben, zu den bedeutendsten Vertretern der Weltliteratur. Unsere Zeitist freilich längst zu einem andern Urteil gelangt: da seine Schriften mitetwa einer Ausnahme nur sekundäre Bedeutung besitzen, so steht Boethiusheute fast nur noch in literarhistorischer Schätzung; doch bildet der Inhaltseiner Werke eines der wichtigsten Kulturfermente aller Zeiten.
Er stammte aus dem Zweige der Boethii der vornehmen Familie derAnicii und sein Vater war Konsul im Jahre 487; sein Geburtsjahr fälltzwischen 480 und 482. Nach dem frühen Tode seines Vaters wurdeBoethius wahrscheinlich in das Haus des befreundeten Q. Aurelius MemmiusSymmachus aufgenommen und dort erzogen, später heiratete er des Sym-machus Tochter Rusticiana. Frühzeitig hat er sich mit den Wissenschaftenbeschäftigt, sonst wäre es bei seiner raschen politischen Laufbahn unmög-lich, daß mehrere seiner Werke in den Handschriften noch keine Titulaturzeigen. Die Zeit seiner Erhebung zum Quästor und zum Patricius ist nichtbekannt; jedenfalls erfolgten beide Ernennungen sehr früh und etwa zugleicher Zeit erfuhr Boethius von seiten des Ennodius hohes Lob. Undder junge Patricius wurde nicht nur um 505 von König Theoderich auf-gefordert, für den Frankenherrscher Chlodovech bald nach einem großenAlemaunenaufstande einen ausgezeichneten Citharöden ausfindig zu machen,sondern auch mit dem Auftrage beehrt, dem Burgundenkönig Gundobadeine Wasser- und Sonnenuhr zu verschaffen und zugleich die für ein solchesKunstwerk geeigneten Sachverständigen auszuwählen; bei dieser Gelegen-heit schrieb Cassiodor in Theoderichs Namen in einer für den jungenMann höchst ehrenvollen Weise, daß es längst bekannt sei, welche be-deutende Leistungen er schon in der Hinüberleitung griechischen Wissensnach dem römischen Boden durch Übersetzung griechischer Meisterwerkegemacht habe. Dieser Brief zeigt durch seine Vertrautheit mit den Leistungendes Boethius, wie nahe dieser damals schon dem ersten Minister desKönigs getreten war, und daß Cassiodor mit einer gewissen Bewunderungzu dem jungen Manne aufblickte, dem er ja später auch in seinem Ordogeneris Cassiodoriorum ein literarisches Denkmal setzte. Längst hatte