Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Erstes Buch.

Die lateinische Literatur von Justinianbis auf Karl den Großen.

Einleitung.

D

as Römerreich trug in seiner eigenen Größe den Keim des Verfallsin sich, auch ohne die Einfälle der Barbaren wäre es der Zersetzunganheimgefallen; diese wurde durch die Völkerwanderung nur beschleunigt.Der Prozeß hat sich ziemlich rasch vollzogen, er wurde aber doch durcheinen für die ganze spätere Kulturentwicklung maßgebenden Umstandetwas paralysiert. Nämlich das Vordringen des Christentums, das sich inden griechischen Teilen des Reiches schnell mit der hellenistischen Bildungdurch setzte, verhinderte auch im Westen die völlige Zersplitterung und denUntergang römischer Geisteskultur. Deren lebensfähige Elemente nahmdas Christentum, als es zur Herrschaft gelangt war, in seinen sorglichenSchutz, die neue christliche Literatur setzte sich der römischen als eben-bürtig zur Seite und überwand die letztere im Laufe weniger Jahrhundertegänzlich, so daß die lateinische Literatur seit der Mitte des 6. Jahrhundertsmit dem christlichen Schrifttum ungefähr gleichbedeutend ist. Daß dabei dasspezifisch Römische eine gewaltige Einbuße erlitt, ist selbstverständlich, denndie Kirche ließ vermöge der ihr innewohnenden Macht nur noch das gelten,was sich mit ihrer Lehre vertrug. Aber die christliche Literatur wandtesich im Westen doch auch seit der Mitte des 5. Jahrhunderts in Anlehnungan ihre griechische Schwester neuen Richtungen zu. Mit der Ausbreitungder Kirche schwand die Notwendigkeit der Apologetik und Polemik immermehr, nur daß neu auftretende häretische Anschauungen die Verteidigungdes alten Glaubens notwendig machten. So konnte das dogmatische Elementin der christlich-lateinischen Literatur jetzt besonders gedeihen. Außerdemaber wirkte der Zug zum Mystischen und Wunderbaren ungemein frucht-bringend nach zwei Richtungen. Er überwog nämlich sehr bald bei derKommentierung der heiligen Schriften die frühere einfache Worterklärung,indem man vielfach dem Spiel mit den Gedanken huldigte. Und zweitenshat er, indem man das Leben besonders heiliger Männer und Frauen mitbiblischen Vorbildern verglich und sich der Vorschriften der alten Kunst-biographie wenigstens in etwas erinnerte, den Heiligenroman hervorgebracht,

1*