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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

fast nur die Sagenüberlieferung 1 ) benutzt, wodurch allerdings nicht ohneweiteres gesagt ist, daß diese nicht aufgezeichnet war. Diese Sagen greifenzugleich auf die Vergangenheit der Thüringer und Franken über und werdendurch Widukind aus den Anfangsabschnitten von Bedas Kirchengeschichteergänzt; nirgends finden sie sich in solcher Ausführlichkeit. Hiervon gehtWidukind nun sehr schnell zu seinem eigentlichen Thema über, indem erzum Hause der Liudolfinger kommt, über die Ungarn berichtet, die er mitden Avaren gleichstellt, und dann zu den Zeiten König Konrads übergeht.Nun erst haben nach ihm die Sachsen durch Herzog Heinrich die ihnengebührende Stellung erreicht, besonders nachdem Heinrich die Krone er-langt hatte. Fortan stehen die Taten der Könige sächsischen Stammesim Vordergrund; was sonst auf der Erde vorgeht, hat für Widukind wenigInteresse. Und, merkwürdig genug, er hat nur Sinn für kriegerische Er-eignisse und Großtaten, von der geistlichen Politik Ottos I. hinsichtlich derStiftung der neuen Bistümer erwähnt er überhaupt nichts und der Papstwird erst ganz am Ende einmal in seiner Darstellung genannt. Das ersteBuch reicht bis zum Tode Heinrichs L, das zweite bis zum Tode der KöniginEdith, und das dritte Buch sollte ursprünglich bis zum Jahre 958 mit an-gehängter ganz kurzer Übersicht über die italienische Politik von 901968geführt werden. 2 ) Doch später erschienen Widukind die letzten Schicksaledes tapferen Grafen Wichmann erwähnenswert, und als Otto I. gestorbenwar, fügte er noch einiges aus den letzten Jahren des Kaisers hinzu undschloß sein Werk mit dem Tode des großen Kaisers ab. Außerdem aberänderte er einige Stellen in ihrem früheren Wortlaut, besonders 1, 22, woer von dem Hinterhalt und der Feindseligkeit des Erzbischofs Hatto gegenGraf Adalberht und Herzog Heinrich durchaus frei gehandelt hatte. 3 ) DieEinteilung in Kapitel und die den Büchern vorangestellten Inhaltsverzeich-nisse scheint ein späterer Abschreiber eingefügt zu haben. 4 )

Sachliche Quellen für die Darstellung, die von Widukind benutzt wordensind, lassen sich, wenn man von der zweifelhaften Verwendung KorveierAnnalen absieht, eigentlich nur im Eingang des Werkes ermitteln, nämlichBedas Kirchengeschichte, die Langobardengeschichte des Paulus und dieGotengeschichte von Jordanis. Hierzu kommt die Übertragung des heiligenVitus sie war als die des Schutzpatrons des Klosters natürlich in Korveivorhanden und ein fränkisches Annalenwerk, jedenfalls auch das LebenKarls von Einhart. 5 ) Wenn nun auch angenommen werden muß, daß Widu-kind die Darstellung der Zeit Heinrichs und Ottos I. vielfach auf eignerErinnerung und auf mündlichen Berichten von Zeitgenossen 6 ) aufgebauthat, so ist doch fast unmöglich zu glauben, daß hierauf seine ganze Sachsen-geschichte beruht. Er muß eine oder mehrere ausführliche Unterlagen

') 1,2 p. 3,34 solam pene famam sequensin hac parte.

-) Kap. 3, 63 schließt mit den WortenAt finis civilis belli terminus sit libelli (p. 117,6). Das ist unbedingt der früheste Schlußder Darstellung gewesen, vgl. Simson, NeuesArchiv 15, 569 f.

3 ) Ueber andre Aenderungen s. die Aus-

gabe von Kehr p. XVIIXIX.

4 ) Siehe Kehr p. XIX und n. 2.

6 ) Kehr p. XI f. weist mit Recht die Be-nutzung einiger anderen Schriften zurück.

6 ) Hierunter sind auch die Lieder dermimi zu rechnen, die, wie 1, 23 (p. 31,10 ff.)ergibt, zeitgenössische Dinge besangen.