714 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
allgemeinen verbirgt Agnellus seine Quellen. Ueber diese s. Holder-Egger p. 272 ff., wovon wichtigen Schriften') Ravennater Kousularfasten, bis mindestens 572 reichend, die Chronikdes Maximian, von der der Anon.Valesianus vielleicht ein Fragment darstellt, und der Katalogder Erzbischöfe eruiert werden. Urkundliche Wichtigkeit aber erhält das Werk durch Be-nutzung von Kaiserurkunden, Papstbriefen und Bullen, Briefen der Ravennater Erzbischöfe,durch Kopierung und Erhaltung von Inschriften-) von Kirchen, Klöstern, Kunstwerken,Mosaiken, Gefäßen sowie Gräbern. Agnellus benutzt sogar Kunstwerke, um nach ihnenPersonalbeschreibungen zu geben, vgl. 32 p. 297, 20 ff. und 108 p. 348, 34 ff. Wegen seinerhäufigen Erwähnung und Beschreibung von Kunstwerken hat sein Werk für die Kunst-geschichte Wichtigkeit; so berührt er z. B. öfters Kunstgegenstände, die mit der Galla Pla-cidia in Zusammenhang stehen, vgl. c. 40 f. Nach einigen Stellen, wie p. 296, 37; 315,3;318, 3, könnte es scheinen, als ob das Werk nicht vollendet worden sei. doch hier scheinenden Autor die Quellen verlassen zu haben. Auffällig ist es, wie selten Agnellus literarischeDinge berührt, er weiß nicht einmal von der Ep. ad Armenium seines Namensvetters. 3 ) Be-nutzt wird Agnellus von mehreren Ravennatischen Geschichtsquellen, s. Holder-Eggerp. 275. Ueberlieferung im Estensis Mutin. V. P. 19 s. XV f. 2 b—33 b und ein Stück im Vatic.5834 s. XVI, vgl. Holder-Egger p. 265 ff. Kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. rer.Lang, et Ital. p. 275—391. Eine lehrreiche Studie zu dem Werk gab L. A. Perrai, Archiv,stör. Lombardo, Ser. 3, Bd. 3, 277—302.
126. Widukind von Korvei.
Widukind stammte aus Sachsen und ist um 941 in das Kloster Korveiunter dem Abt Folcmar eingetreten. Hier waren schon in der karolingischenZeit die wissenschaftlichen Studien erblüht, und das wurde durch nicht un-bedeutende Bücherschätze, die die neue Stiftung ansammelte, ermöglicht;war ja Korvei von dem im Mittelpunkte des literarischen Strebens stehendenCorbie ausgegangen, und dadurch ist es besonders erklärlich, daß das Klosterunter den sächsichen Gründungen bald einen der ersten Plätze einnahm.So mochte auch Widukind hier eine hervorragende Bildung erhalten haben,sein späterer historischer Stil lehnt sich ungemein stark an die römischenGeschichtschreiber an. Zuerst versuchte er sich, wie er selbst erzählt, inHeiligenleben, und noch zur Zeit Sigeberts von Gembloux kannte man seineDarstellung des Leidens der heiligen Thekla in Versen und sein Leben desEremiten Paulus, das er abwechselnd in Poesie und Prosa geschriebenhatte. Von beiden Schriften scheint sich keine Spur erhalten zu haben.
Wahrscheinlich hat Widukind sein Kloster nicht häufig verlassen,wenn wir auch wenigstens aus einer Stelle 4 ) wissen, daß er 945 oder 946Augenzeuge kriegerischer Ereignisse gewesen ist. Jedenfalls ist es durch-aus nicht erweisbar, daß er etwa längere Zeit am ottonischen Hofe ge-weilt, oder daß er sich bei Erzbischof Wilhelm von Mainz aufgehalten hat, 5 )am allerwenigsten aber, daß er in seiner Sachsengeschichte die Dinge sodargestellt hat, wie sie in den Gesichtskreis der Mainzer Politik des Erz-bischofs Wilhelm traten; 6 ) denn die einzige Tendenz, die aus dem Werke
x ) Minder bedeutende sind die Vita S.Apollinaiis und S. Barbatiani, Schriften vonPetrus Chrysologus. Hieronymus, Isidor, Beda;hierzu Paulus' Langobardengeschichte.
2 ) Buecheler hat in seine epigraphischeAnthologie nur wenige von diesen Inschriftenaufgenommen.
3 ) Sie wird erwähnt s. XII in Nonantola(B. 101, 52) und in der Sorbonne (Delisle,Le cab. des mscr. 3, 97 R f.).
4 ) Res gest. Saxon. 2, 40 p. 84, 8 ff. ed.Kehr.
5 ) Siehe R.Köpke, Widukind von KorveiS. 60.
G ) Diese angeblich absichtliche Färbungder Sachsengeschichte will A. Mittag (Erzb.Friedrich von Mainz u. die Politik Ottos desGroßen, Berlin 1895) erkennen; vgl. hierzuWattenbach, Berl. SB. 1896 N. XIV.