Langobardische Geschichtsquellen des 9. Jahrhunderts. 711
herzustellen. Die Komposition ist allerdings unglaublich roh, denn mit denüberaus dürftigen Notizen des Bischofskatalogs stehen die Zutaten nur insynchronistischem Zusammenhang, es fehlt hier an jeder inneren Verbindung.Erst gegen das Ende — der Bericht schließt mit dem Jahr 754 x ) — wirddie eigene Erzählung des Autors reichhaltiger, sie ist aber mit Fabeleiendurchsetzt und verdient wenig Glauben. Später übernahm der DiakonJohannes von St. Severin die Fortsetzung, die er in jungen Jahren be-gann 2 ) und bis 872 fortführte. Seine Darstellung beruht anfänglich aufmündlicher Überlieferung, später auf eigner Kenntnis, sie nimmt mehr auflangobardische Verhältnisse Bezug als der frühere Teil und ist, von einzelnenchronologischen Irrtümern abgesehen, der Wirklichkeit entsprechend gegeben.Sein Werk scheint im Autograph erhalten zu sein, erst am Ende findetsich sein Namen verzeichnet. Mit dem Episkopat Athanasius' II. setzt eineneue Fortsetzung ein, die vom Subdiakon Petrus stammt und von der nurein kleines Fragment erhalten blieb, das fast nur von einer Heuschrecken-plage handelt. — Johannes und Petrus haben sich aber auch um die Bio-graphie der Bischöfe und Heiligen von Neapel verdient gemacht. Johannesverfaßte nämlich 902 auf den Wunsch des Abtes Johannes von St. Severindie Übertragung des heiligen Severinus vom Castrum Lucullanum nach demneuen Kloster des Heiligen in Neapel. Der Abt hatte ihm aufgetragen, diefurchtbaren Kämpfe mit den Arabern um Taormina in Verbindung mit derErhebung des Heiligen zu schildern, und dieser Aufgabe kam Johannesnach, so daß seine Schrift einen ungewöhnlich reichen geschichtlichen Inhaltbesitzt. Auch über das Leben des heiligen Januarius und die Übertragungdes heiligen Sosius in das Severinkloster (910) zu schreiben, trug ihm AbtJohannes auf; er kam diesem Wunsche aber erst dann nach, als BischofStephan III. ihm in scharfer Weise zusetzte. Der Diakon Johannes waraber auch im Griechischen 3 ) bewandert und übertrug auf die Bitte des AbtsJohannes das Leiden der vierzig Sebastenischen Märtyrer, das vom BischofEvodius von Caesarea griechisch abgefaßt worden war, ins Latein. —Auch der Subdiakon Petrus, der mindestens noch das Jahr 960 erlebte, 4 )ist in dieser Literatur tätig gewesen. Er beschrieb die Wunder des heiligenAgrippinus und die des heiligen Abtes Agnellus und hat wahrscheinlichauch das Leben und die Übertragung des Bischofs Athanasius I. von Neapel 5 )dargestellt. So finden wir seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts inNeapel eine ziemliche literarische Betriebsamkeit, die auf die historischeDarstellung in Bezug auf das Bistum und seine Vertreter und auf dieheimische Hagiographie ausgeht. Wichtige literarische Dokumente ent-standen hier freilich nicht; ihr historischer Gehalt steht an Wert weitüber der wenig genügenden Form.
Die Gesta episcoporum Neapolitanorum finden sich im Vatic. 5007s. IX (der ältere Teil noch in Unciale), der zum Teil Autograph zu sein
) Am Ende fehlt allerdings ein Blatt. I die Vita Atlianasii (1) 2 p. 441, 23 —26 (Herzog
s ) c. 56 p. 430, 27 non dico tneae adoles-centiae cuius sensits propter aetatem adhucintercluditur, verum etiam sagacioribus onerifiierat.
") TJeber das Griechische in Neapel vgl.
Sergius) und 42 (Herzog Gregor).
4 ) Das ergibt sich aus den Mirac. S. Agrip.pini 11 (ed.Waitz p. 464,13 ff.).
5 ) Vgl. hierzu Waitz p. 401.