708
Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
waren in der Mitte des 9. Jahrhunderts in Mailand einige irische Freundedes Sedulius angesiedelt, die sich durch griechische Studien l ) und durchmetrisch richtig gebaute lateinische Gedichte auszeichneten, und der Archi-diakon Pacificus in Verona, wo die Gedichte Catulls sich erhielten, 2 ) brachtedie stattliche Sammlung von zweihundertachtzehn Büchern zusammen; 3 )aber außerhalb von Bobbio und Montecassino kann man kaum von einer Blüteder wissenschaftlichen Studien sprechen, wenn man von den in Mittel- undUnteritalien nicht selten erscheinenden Übersetzungen aus dem Griechischenabsieht. Blickt man näher in die erhaltene, recht spärliche Literatur derZeit, so gewinnt man den Eindruck, daß sogar der richtige Gebrauch derlateinischen Sprache vielfach abhanden gekommen war. Wie einst im mero-vingischen Franken hatten sich auch hier die Flexionsformen der Spracheerhalten, aber sie werden oft unterschiedslos durcheinander gebraucht. Soscheint es damals vielerorts an wirklichem Unterricht in der Grammatikgefehlt zu haben und die Orte, an denen man noch richtig Latein schreibenkonnte, sind wohl nur vereinzelte Inseln in dieser Sprach wüste gewesen;die Formen der Vulgärsprache mischen sich häufig in das Schriftlatein ein,und so ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch sprachlich ein großerUnterschied zwischen der italienischen und fränkischen Literatur zu kon-statieren, der sich auch in der historischen Literatur geltend macht.
Andreas von Bergamo. Der Presbyter Andreas von Bergamo schriebwohl im Jahre 877 eine Fortsetzung zu Paulus' Langobardengeschichte, inderen Beginn er ein äußerst kurzes Exzerpt aus Paulus gibt. Die Fort-setzung von 744 an hat er, wie er selbst sagt, aus Schriftwerken entlehntoder von alten Leuten gehört. Bis auf die Zeiten Karls des Großen bleibtdie Darstellung ganz unzulänglich, dann wird sie mit Fabeln gemischt underzählt aus der Zeit Ludwigs II. besonders die Einfälle und Fortschritte derAraber. Gegen Ende berichtet Andreas vom Transport der Leiche KaiserLudwigs II. von Brescia nach Mailand, wobei er selbst vom Oglio bis zurAdda geholfen hat, und von der Krönung und dem raschen Tode Karls desKahlen. Das Ende der Erzählung ist verloren.
Der Verfasser berichtet von sich selbst c. 2 (MG. SS. rer. Langob. et Italic, p. 223, 26)Haec autem adbreviationem superscripta in qiiantum potui excerpsi ego Andreas licet in-dignus presbiter de historiae Langubardorum und c. 18 p. 229, 33 Verüatem in Christo lo-quor: ibi*) fui et partem aliquant portavi et cum portantibus ambulavi a flumen qui diciturOleo usque ad flumen Adua. Zur weiteren Bestimmung für die Herkunft des Andreas dientdie genaue Angabe über die Bewohner Bergamos p. 230, 3—6. Den Beginn des Werkesmit dem Auszug aus Paulus indiziert Andreas selbst c. 1 p. 221,17 Longöbardorum gestaunum volumen sex tarnen libros a Paulo viro philosopho contesta et per ordinem narrata in-venimus. Exinde pauca de multis in hac adbreviatione contexere nisi sumus und c. 2 (s. oben),
J ) Im Berol. Harn. 552, s. Corssen, Bur-sians Jahresberichte (1900) 101, 47. Fernerim Monac. 343 s. IX, s. G. Morin, Revue Bene-dict. 10.193 ff.
2 ) Ratherii Veron. Sermon. 11, 4 (Migne136, 752).
3 ) PL.2,655 N.9,11. Der Verfasser seinesEpitaphs, der nicht einmal metrisch dichtenkonnte, rühmt von ihm Vs. 14 f., daß er eineGlosse zur Bibel und ein astronomisches Ge-dicht geschrieben habe. Hingegen ist ein auf
Bischof Adalhard von Verona 877 oder 878angefertigtes Gedicht in fast reinem sapphi-schem Versmaß geschrieben, s. Traube, PL.3, 693 ff.; der Verfasser war allerdings nachTraube ein Ire.
*) Nämlich als der Bischof von Bresciaauf das Verlangen des Mailänder Erzbischofs,der zu diesem Zwecke die Bischöfe Garibaldvon Bergamo und Benedikt von Cremona nachBrescia schickte, die Leiche Kaiser Ludwigs ILherausgeben mußte.