656
Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Bericht bis 814 verdankt er dem Mönch Adhemar, der mit Ludwig zusammenerzogen worden war. Da es nun nach den Forschungen Meyers v. Knonaufeststeht, daß der Verfasser von 814—829 die großen Reichsannalen aus-schreibt, was er in die Worte der Vorrede quae vidi et comperire potuimit einbegreifen muß, so ist Eberts x ) Vermutung doch recht wahrscheinlich,daß er ein von Adhemar geschriebenes Werk 2 ) benutzt habe, eine GeschichteAquitaniens, die noch die Zeit vor Ludwig behandelte. Es ist danach viel-leicht anzunehmen, daß der Verfasser selbst Aquitane war und mit demneuen Kaiser an dessen Hof zog. Hier hat er später die Reichsannalenund Einharts Leben Karls kennen gelernt und mit Voranstellung vonAdhemars Bericht und mit Hilfe seiner eignen, sehr wenig streng chrono-logischen Aufzeichnungen die Lebensbeschreibung Ludwigs zusammengestelltund wohl bald nach dem Tode des Kaisers ausgearbeitet. Von sich selbsterzählt er sehr wenig, eigentlich nur, daß ihn Ludwig bei Gelegenheit desKometen in ein Gespräch über astronomische Dinge verwickelt habe, daman am Hofe annahm, daß er darin Bescheid wisse. Die Biographie selbststeht wesentlich höher als die Schrift Thegans. Ein allgemein gehaltnesVorwort über Geschichtschreibung, wobei Einharts Prolog zum Leben Karlsan einer Stelle durchschimmert, führt sie ein, und der Verfasser kommtdann ordnungsgemäß auf die Quellen seiner Darstellung zu sprechen. Diegeschichtliche Darstellung selbst beginnt mit dem Jahr 769 und erzähltdann die Geburt Ludwigs und seines toten Zwillingsbruders. Im zweitenKapitel läßt sich bei der kurzen Erwähnung der Schlacht von Roncevalwieder Einharts Bericht deutlich erkennen. Die ganze JugendgeschichteLudwigs wird dann nach Adhemar ausführlich gegeben, wobei viele Zügeerzählt werden, die sonst unbekannt sind (c. 4—6), und sowohl der Feldzuggegen die spanische Mark 801 (c. 13) 3 ) ausführlich berichtet, als auch west-fränkische und spanische Verhältnisse ziemlich breit behandelt werden(c. 14—19). Es folgt dann ein Auszug und Paraphrase der Reichsannalen(c. 23—42) und recht ausführlich der Krieg der Söhne gegen den Vater.Durchaus persönlich ist der letzte Teil der Erzählung 838—840 (c. 59—64)gehalten. Sind nun auch die chronologischen Verhältnisse zuweilen in argerVerwirrung, die Darstellungsweise erhebt sich doch in allen Teilen hochüber die Thegans. Man liest hier Geschichte und kein Pamphlet, und derVerfasser kann doch lateinisch schreiben, wenn auch sein Stil zuweilenprunkend und überladen ist; manchmal zeigt er Neigung zu antiken Re-miniszenzen.
Zeugnisse. Ueber sich sagt der Verfasser im Prolog (MG. 2, 607, 27) Porro quaescripsi usque ad tempora imperii, Adhemarl nobilissimi et devotissimi relatione addidici, quiei coaevus et conmäritus est; posteriora autem quia ego rebus interfui palatinis quae vidi etcomperire potui stilo contradidi. Die Benutzung der Reichsannalen erwies im einzelnenMeyer v. Knonau, Ueber Nithards vier Bücher Geschichten S. 133 ff.; 4 ) die Benutzung derVita Karoli ergibt sich aus dem Prolog p. 607, 12 Quorum nos Studium imitantes nolumus
') Allg. Literaturgesch. des Mittelalters2, 363 n. 1.
2 ) Die Worte relatione addidici lassendiesen Sinn auch zu.
3 ) Daß der c. 13 p. 612,33 genannte signi-fer Hadhemarus jener Mönch Adhemar sei,
hatte R. Dorr (De bellis Franc, cum Arabibusgestis p. 51) angenommen, was von Watten-bach 1, 230 mit Recht bestritten wird.
■>) Unsicher ist die hier S. 129—132 und135 behauptete Benutzung und Ueberarbeitungvon Nithard 1, 6—8.