646 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
eine chronologische Schwierigkeit verdächtigt; denn Adam erzählt 1, 34p. 26, daß Einhart in den Gesta Saxonum dargestellt habe, wie sich derheilige Willehad und der heilige Alexander um ihre Bedeutung für Sachsengestritten hätten. Die Translatio S. Alexandri fand aber erst 851 statt,während Einhart 840 gestorben ist.
112. Annales Laurissenses majores und Einharti.
Die Annalen oder Jahrbücher begannen höchstwahrscheinlich durchEintragung geschichtlicher Ereignisse in die Ostertafeln, und da dies vonBeda angefertigte Hilfsmittel sich ohne Zweifel in den Händen der meistenangelsächsischen Missionare befand, so kann es nicht wundernehmen, wennzu Anfang der ältesten Annalen sich mehrfach insulare Namen eingetragenfinden. Der kirchliche Ursprung der Annalen steht somit fesL, aber dieZugehörigkeit aller dieser anfänglich äußerst mageren Geschichtsquellen zueinem Kloster ist nicht zu erweisen, und es ist sehr wahrscheinlich, daßspätere Erzeugnisse des 8. Jahrhunderts im nahen Zusammenhang mit demköniglichen Hofe stehen. 1 ) Das ist aber ganz besonders der Fall bei denAnnales Laurissenses maiores und ihrer stilistischen Überarbeitung, für diesich der Name Annales Einharti eingebürgert hat. Die Annalen von Lorschwurden zuerst von Canisius in einer bis 788 reichenden Hs. von Lorschgefunden, weshalb man ihren älteren Teil früher mit diesem Jahre endigenließ. Andere Hss. reichen bis 813 und auch hierfür ist eine eigene Re-zension angenommen worden. Zwei weitere Klassen von Hss. setzen dasWerk bis 829 fort, die eine ohne Zusätze zu den Jahren 785 und 792,die andere mit solchen. Die letzte Klasse enthält die Überarbeitung, derenHss. fast sämtlich aus einem Exemplar stammen, in dem die Vita Karoliden Annalen vorausging. 2 ) Das Charakteristische in diesen Annalen ist dieArt der Berichterstattung, die sich fast nur auf die Person des Königs,seine Kriege, seine politischen und kirchlichen Maßnahmen, seine Fest-feiern u. dgl. bezieht, so daß der König im Mittelpunkt steht. Unstreitighaben dem Verfasser Quellen vorgelegen, die solche Dinge enthielten, 3 )aber hierbei hat es mit der höfischen Beeinflussung, die man für das Werkbehauptet hat, sein Bewenden; diese ist viel eher aus der Bearbeitung(Ann. Einharti) zu erkennen. 4 ) In diesem Sinne sind Ausdrücke wie Annalesoder annale oder gesta regum, die sich mehrfach vorfinden, 5 ) zu fassen,d. h. nicht amtlich beeinflußte, sondern über die Könige handelnde Jahr-bücher. Und das scheint trotz des lebhaftesten Einspruchs von H.v. Sybel 6 )festzustehen, daß diese Jahrbücher nicht in Lorsch, sondern am Hofe selbstentstanden sind, 7 ) und daß seit 795 oder 796 Einhart ihre Fortsetzungübernommen hatte, obwohl dies von H. Bloch kürzlich wieder in Abrede
') Hierüber sowie über die Entstehung I ') Siehe Manitius, Mitteil. d. Inst. 13,
der Annalen s.Wattenbach 1,154ff. | 232-238.
2 ) Ueber diese Klassen s. Kurze, Neues ' 5 ) Siehe Wattenbach 1, 213 f.Archiv 19, 297 ff. und Annales regni Franco- e ) Historische Ztschr. 42, 260 ff. 43, 410.nun p. VIII und IX—XIV. Anders H. Bloch, \ Neues Archiv 10. 305 ff. 11,489.
Gott. gel. Anzeigen 1901, 872 ff. 7 ) Siehe L. Ranke, Abhdl. d. Berl. Akad.
3 ) Vgl.Manitius,Mitteil.d.Inst.f.österr. : 1854, 415 ff.Gesch. 10, 419—427, vgl. 13, 225 ff.