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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Briefe. Vielleicht wurden Briefe von und an Einhart in dessen Klosterzu St. Bavo in Gent gesammelt, s. Hampe, MG. Ep. 5, 105. Die Sammlung 1 )im Paris. 11379 s. IX ex. (aus Laon) enthält 71 Stücke, von denen aber66—71 nicht zu Einhart gehören; N. 3 (ed. Hampe) stammt von Bernhariusvon Worms, N. 12 und 20—22 von Kaiser Ludwig, N. 37. 38 von EinhartsGemahlin Imma. Die Briefe gehören sämtlich der späteren Lebenszeit 2 )Einharts an, der älteste gehört ins Jahr 823. Leider sind die Eigennamen,wie vielfach bei Briefsammlungen geschehen ist, meist getilgt, und hierzukommt der Mangel jeder andern Datierung. So wird die Einordnungschwierig, und doch sind die Briefe für die Ansetzung der späteren Lebens-daten Einharts sehr wichtig. Außerdem bezeugen sie, daß der glänzendeStilist, wenn es Dinge des gewöhnlichen Lebens darzustellen galt, seinePhrasenrezepte ganz außer acht läßt, ja daß er einfach ungrammatischschreibt. 3 ) Merkwürdig ist übrigens, daß in den Briefen nur zwei litera-rische Stellen begegnen, nämlich ep. 57, wo Einhart seinem Schüler Vussinschwierige Worte aus Vitruv mitteilt, deren Bedeutung der Schüler an demOrte 4 ) leicht erlangen könne, an dem er sich jetzt befinde, und in demBriefe an Lupus (MG.Ep. 6,10, 6f.), wo sich Plinius ep. 2, 1 benutzt findet. 5 )
Hs.: Paris. 11379 s. IX f. 3—15. Ausgaben: Teulet, Einh. opera 2,2—141. Migne104, 509. Jaffe, Bibl. rer. Germ. 4, 440—486. Hampe, MG. Ep. 5, 105—145. In das Corpusder Briefe gehört eigentlich ein Brief des Klerus von Sens an ihn, Ep. 5, 286 N. 14.
Translatio S. Marcellini et Petri. Die Entwendung beider Heiligen-leiber ließ Einhart durch seinen Notar Ratleic ausführen. 6 ) Als die Über-tragung gelungen war, und die Heiligen infolge von Wundern großen Zu-lauf erhielten, schrieb Einhart einen ausgedehnten Bericht über Entwen-dung, Übertragung und Wunder, der in durchaus volkstümlichem Lateinabgefaßt ist, da er zur Erbauung bestimmt war. Das Buch zeichnet sichvor vielen andern durch die Frische und Unmittelbarkeit der Darstellungaus. Merkwürdig bleibt es freilich, daß der hochbegabte Verfasser durch-aus den Aberglauben seiner Zeit teilt. Denn er erzählt die haarsträubendstenDinge, die bloße Berührung, oder auch nur die Nähe der Heiligen, ja sogardas bloße Denken an sie und das Aussprechen ihres Namens bewirkt aller-hand Wunder. Als literarisches Denkmal steht die Schrift nicht eben hoch,dagegen besitzt sie in kulturgeschichtlicher Beziehung nicht geringen Wert.
Hss.: Mett. E 99 s.X. Vat. reg. 318 s. IX. 7 ) Ausgaben: Acta Sanctorum Iun. 2,181—206.Teulet, Einh. opera 2,176—377. Migne 104, 537—594; ed. Waitz, MG. SS. 15, 239—264.
») N. 40 steht auch im Vatic. Pal. 487s. IX p. 40 f.
■') Vgl. Dümmler, Liter. Zentralbl. 1867,1268 und K. Hampe, Neues Archiv 21, 604.
3 ) Siehe meine Gegenüberstellung NeuesArchiv 7, 549.
4 ) Hampe (MG. Ep. 5, 138 n. 1) meint,daß dieser Ort eher die Hofschule oder diekgl. Kapelle als das Kloster Fulda sei. Aberin Fulda befand sich wohl schon damals derVitruv, der noch s. XVI dort erwähnt wird,s. Beih. z. Zentralbl. f. Biblw. 26, 106, Rep. 9.Ord. 3, 14 Vitrivius de architectura libri X.Mit diesem Fulder Exemplar mögen die inLorsch und Murbach genannten (Manitius,
Philol. a. alten Biblkatal. S. 41) zusammen-hängen.
5 ) Dies ist die früheste Stelle im Mittel-alter für Plinius, dessen Briefe aus Lorschs. IX (B. 37, 387 = 38, 42) erwähnt werden.
6 ) Er war später Kanzler Ludwigs desFrommen und Abt in Ssligenstadt. Sein Testa-ment MG. SS. 21, 360; es ist übersetzt undmit topographischen Erläuterungen versehenvon Schmieder im Progr. von Schleusingen1896.
7 ) Ueber eine dritte Hs. s. Neues Archiv25, 226 und M. Bondois a. a. O. S. 3 n. 2. —In alten Katalogen erscheint das Werk nurin Lorsch s. IX (B. 37, 442 = 38, 94).