Willibalds Leben des heiligen Bonifatius. Einhart.
639
111. Einhart.
Einhart ist um das Jahr 770 im Maingau geboren, wo seine ElternEinhart und Engilfrit begütert waren. Er war von vornehmer Abkunftund er kam wohl als Knabe in das Stift zu Fulda, wo er seine Schul-bildung erhielt. Aus dieser Zeit haben sich einige Urkunden des Klosterserhalten, die von Einhart geschrieben sind, die datierten stammen ausJahr 788 und 791. Er zeigte sich in Anlagen und Fleiß so bedeutsam,daß ihn der Abt Baugulf entweder im Jahre 794 oder bald darauf an denHof schickte. Hier mußte er wegen seiner kleinen Gestalt manchen Scherzhinnehmen, aber durch seinen Geist und sein Wissen erwarb er bald Karlsherzliche Freundschaft und die hohe Achtung der Hofgesellschaft. So hater auch an Alchvines Unterricht teilgenommen und er wurde nach dessenÜbersiedlung nach Tours vielleicht sein Nachfolger als Lehrer an der Hof-schule. Wahrscheinlich offenbarte er aber auch schon frühzeitig ein be-sonderes Talent in der Baukunst, das ihm in der Hofakademie den NamenBeseleel (nach dem Erbauer der Stiftshütte Bezaleel Exod. 31,2) einbrachte.Karl würdigte die geistige Bedeutung des jungen Mannes ungemein: diesererhielt nicht nur die Oberaufsicht über die königlichen Bauten, sondernwurde auch in viele politische Dinge eingeweiht, so daß er neben Angil-bert zu den vertrautesten Räten des Königs gehörte. Nebenbei muß sichEinhart aber nachdrücklich mit der Lektüre der antiken Geschichtschreiberabgegeben haben, um sich einen guten historischen Stil anzueignen. Dennes ist trotz der ablehnenden Haltung von Sybel und anderer Forscherdoch sehr wahrscheinlich, daß Einhart am Hofe die sogenannten LorscherAnnalen von 795 an fortsetzte und damit ein Geschichtswerk schuf, dasfür längere Zeit im Frankenreiche vorbildlich blieb. Außerdem aber schrieber sehr bald nach dem Tode Karls dessen Leben, ein Werk, das trotz seinesfremdartigen, von Sueton erborgten Kolorits und trotz vielfacher Verstößegegen die historische Wahrheit 1 ) ohne Zweifel die beste Biographie desfrüheren Mittelalters darstellt. Einhart konnte allerdings nach dem TodeAlchvines (804) und Angilberts (814) wie kein anderer über seinen kaiser-lichen Freund und Gönner Auskunft geben, der ihn mehrfach zu wichtigenMissionen benutzte und sich wohl nur ungern von dem ausgezeichnetenMann trennte. Der materielle Dank des Herrschers für die vielfachen Ver-dienste, die sich Einhart um ihn erworben, war der gleiche wie bei Angil-bert, er bestand in der Erhebung des Laien Einhart zum Abte und in derÜbertragung von Abteien auf ihn. Auch unter Ludwig dem Frommen be-hielt Einhart zunächst seine Stellung am Hofe und galt bei den bald aus-brechenden Streitigkeiten innerhalb der Herrscherfamilie wegen seiner neu-tralen, vermittelnden Anschauungen als eine wichtige Person. Doch all-mählich zog er sich vom Hofleben zurück und widmete sich mehr der
') Mehrere unrichtige und sagenhafteZüge in c. 1 stimmen nach G. Kurth (Bull,de l'acad. roy. de Belg. Serie 3. 30, 580—590)mit einer Stelle im Theophanes (1,402 ed.de Boor). Kurth nimmt an, daß Einhartden Theophanes (Beendung des Werkes im
J. 815) benutzt habe. Doch nimmt de Booran, daß diese Stelle auf sehr alter Inter-polation beruhe, sie fehlt in der Uebersetzungdes Anastasius. Daher ist wohl eher Be-nutzung einer gemeinsamen Quelle zu sta-tuieren, vgl. Byzant. Ztschr. 5, 615.