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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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628 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

Ohne Zweifel war es für Hrotsvit schwer, diesen Dramen eine passendeäußere Form zu geben. Das Versmaß des Terenz war ihr selbstverständ-lich viel zu schwer und so wählte sie die Form, die im 10. Jahrhundert inder Prosa beliebt wurde, die Reimprosa, wo aufeinanderfolgende Stückchender Rede miteinander gereimt sind, doch ohne daß Umfang und Rhythmusgleich sein müßten. Die Reimprosa hatte die Dichterin schon in der Vor-rede zu den Legenden angewendet, und es scheint, daß sie diese Form alsdas einzige charakteristische Merkmal für die Dramendichtung beibehielt,daß also die Einteilung in Strophen von ihr nicht beabsichtigt wurde.Den Terenz hat sie übrigens mit ihren Dramen nicht verdrängt, er wurdeweitergelesen, ihre Werke aber nicht, denn sie haben sich nur in einerHandschrift erhalten, die nach der Ansicht von Traube und von v. Winter-feld 1 ) auf Anregung Gerbergs in Gandersheim geschrieben und dem KlosterSt. Emmeram gewidmet wurde. Außerdem ist nur noch eine Verwendungdes Gallicanus bekannt, die aber auch aus der Regensburger Handschriftstammt; das Stück wurde nämlich im 12. Jahrhundert abgeschrieben undin Szenen eingeteilt, was sicher zum Zweck der Aufführung geschehen ist.In solcher Form findet es sich im Passionale von Alderspach und in vielenösterreichischen Legendarien.

Nunmehr wandte sich Hrotsvit der geschichtlichen Dichtung zu. DieÄbtissin Gerberg hatte sie nämlich gebeten, die Taten Kaiser Ottos desGroßen in einem Epos darzustellen. Sie schreibt aber in der Widmung anGerberg, sie habe nicht einmal vermocht, hierüber genügend mündlicheKunde einzuziehen und die Schwierigkeiten in der Darstellung seien fürsie sehr groß gewesen, weil sie über Ottos Taten kein geschriebenes Werkhätte einsehen und von niemand geordnete und gehörige Erzählung hätteerhalten können. Es sei ihr gegangen wie einem Menschen, der ohnewirkliche Führung durch schneebedeckte Waldschluchten zur Winterszeitwandere und oft vom Wege abkomme und daher seine Wanderung nichtfortsetze, sobald er einen Ort erreicht habe, wo er ausruhen könne. Sohabe auch sie mit der Darstellung der Taten Ottos während seiner Königs-zeit vollauf genug und sie wolle den schwierigen Weg durch die Zeit, seitder er Kaiser sei, ohne Führung nicht zurücklegen. Wenn sie aber durchden Gedankengang beredter Darstellungen, die wohl eben geschrieben, 2 )sicher aber in Zukunft verfaßt würden, angeregt würde, dann hätte sieStoff, um die Unzulänglichkeit ihrer Darstellung zu verhüllen. 3 ) Nocheinmal weist sie dann darauf hin, daß ihr die Arbeit von Gerberg auf-getragen war. Vielleicht hatte sich das ottonische Haus die fromme,dichtende Nonne zur Besingung der Taten des Kaisers ausersehen, dennam Schluß der Widmung erfährt man, daß das fertige Werk dem ErzbischofWilhelm von Mainz vorgelegt werden solle, wie Gerberg angeordnet habe.Die Taten Ottos sind aber außerdem Otto I. und dem erst kürzlich gekröntenKaiser Otto IL gewidmet, indem Hrotsvit an beide Kaiser ein Widmungs-

*) Archiv f. d. Stud. d. neu. Sprachen und [ Widukind in Korvei sein Werk schrieb?

Lit. 114,37.

*) Ob hierin wohl eine Anspielung aufdie unlängst erworbene Kenntnis liegt, daß

3 ) Das heifit also, dann würde sie ihreDarstellung bis zur unmittelbaren Gegenwartfortsetzen.