Hrotsvit von Gandersheim. 627
Scheidung des maior und minor mundus (des Menschen), geht auf die Ein-teilung des Quadriviums ein, verbreitet sich über die Theorie der Musikund über Sphärenmusik, wird aber den Schülern zu schwer verständlich,als der Lehrer auch auf musische Elemente beim menschlichen Körperbauzu sprechen kommt, und dabei stellt sich heraus, daß auch der Lehrerüber ihm sonst unbekannte Materien gesprochen hat, aus denen er nurim Vorbeigehen einen kleinen Brocken mitgenommen habe. Endlich er-zählt Pafnutius auf Verlangen seiner Schüler, daß es im Lande eine leicht-fertige Frau namens Thais gebe, die er unter der Maske des Liebhabersfür den Himmel gewinnen wolle. Er geht in die Stadt, wo sie sich auf-hält, und sein Besuch bei Thais wird fast mit denselben Worten berichtet,wie der Abrahams bei Maria. Die Bekehrung der Thais erfolgt fast ganzunvermittelt und ohne innere Notwendigkeit, und auch die Verbrennungder Schätze, die sie durch ihr unsauberes Leben gesammelt, bleibt einerein äußerliche Handlung. Pafnutius bringt die Bekehrte in ein Nonnen-kloster, wo er die Äbtissin bittet, sie als Reklusa zu behandeln, ihr alsoeine Zelle ohne Ein- und Ausgang zu geben. Wohl sträubt sich Thaisanfänglich etwas wegen der zu erwartenden Unsauberkeit, aber Pafnutiusbeschwichtigt ihre Bedenken völlig. Nach dem Verlauf von drei Jahrengedenkt er wieder der Eingeschlossenen und der Schüler eines Freundeserzählt ihm von einer Vision, durch die er Aufklärung über die völligeHeiligung der Thais erhält. Er besucht sie und kündigt ihr an, daß nachfünfzehn Tagen ihr Tod erfolgen werde. In der letzten Szene stirbt sieund Pafnutius betet in langer doxologischer Rede für ihre Seligkeit.
Das sechste Drama heißt Sapientia oder Passio sanctarum virginumFidei Spei et Karitatis. Antiochus, der Richter des Kaisers Adrian, er-zählt diesem, daß eine vornehme Frau mit ihren drei Töchtern nach Romgekommen sei, die durch ihren christlichen Glauben die öffentliche Ordnungstöre. Der Kaiser befiehlt ihm, die Fremden vorzuführen, und er ist, alsdiese vor ihn gebracht werden, über ihr vornehmes Wesen erstaunt. Erfragt die Mutter nach Namen und Alter der Töchter, sie antwortet erstgewunden und auf weitere Befragung hält sie ihm einen Vortrag über dieBedeutung des numerus inminatus und superfluus, 1 ) wobei er sie selbst zuweiteren Aufschlüssen auffordert. Als sie sich aber weigert, die Götterzu verehren, werden sie ins Gefängnis geworfen mit der Bedingung drei-tägiger Bedenkzeit. Nach Verlauf der Frist werden sie aufs neue vor-geführt und die Schwestern werden alle drei den ausgesuchtesten Marternunterworfen, die die Dichterin aus dem Peristephanon des Prudentius aus-las. Die Qualen aber werden nicht von den Mädchen, sondern von denHenkersknechten empfunden und es bleibt dem grausamen Kaiser nichtsübrig, als den Schwestern das Haupt abschlagen zu lassen. Unter demBeistand von christlichen Frauen begräbt die Mutter ihre Kinder, undnachdem drei Tage verflossen sind, wendet sie sich in langem Gebet anden Himmel, der sie auch erhört und ihr am Grabe der Kinder den Todsendet.
l ) Nach Boethius' Arithmetik 1,19 f. und 1, 9 f.
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