626 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
kommt und wird wie von ungefähr von plötzlicher Reue über ihr Lebenergriffen, doch Abraham spielt mit größter Anstrengung seine schwierigeRolle weiter; erst als sie ihm in verschlossener Kammer die Schuhe löst,gibt er sich zu erkennen. Da fällt das schwerste Leid auf das unglück-liche Mädchen, und erst auf Abrahams erlösendes Wort „Menschlich ist es,zu sündigen, teuflisch ist es, in der Sünde zu bleiben" wird sie gefaßterund nähert sich innerlich wieder dem alten Oheim, an dem ihr Herz stetsgehängt hatte. Er beschwört sie, um seinetwillen ihm zu folgen, ihreMissetat solle auf ihn kommen. Da weigert sie sich nicht länger und mitglühendem Danke überhäuft sie ihren Wohltäter, der ihr für die Rückreisedie zarteste Rücksicht angedeihen läßt; freudig verspricht sie ihm, in Zu-kunft Gott allein zu dienen. Nach der Rückkehr sucht Abraham alsbaldden alten Effrem auf, der ihm schon die Freude aus dem Gesicht abliest,und mit frohem Ernste feiern die beiden Alten das glückliche und frieden-bringende Ereignis. — In diesem Stück ist alles auf den richtigen Ton ge-stimmt, und die Reden der einzelnen Personen sind durchaus individuell undder Gemütsstimmung angemessen. In der Charakterzeichnung wetteiferndie beiden Greise miteinander: Abraham, liebevoll und gemütswarm, erstahnungslos und frommer Andacht hingegeben und dann tatkräftig undstark im Rettungswerk; Effrem, tief angelegt und nachdenklich, trifft inseiner ruhigen Beschaulichkeit stets das rechte Wort zur rechten Zeit undist immer bereit zum Aufrichten und Trösten des Freundes. Beide sindVertreter echten Menschentums im Einsiedlergewande. Und wie mensch-lich warm ist Maria gehalten! In rührender Weise bewahrt sie ihre Un-schuld trotz des Falles; ihr Inneres ist rein geblieben, das hört man ausden einsilbig schluchzenden Worten heraus, die sie nach dem ErkennenAbrahams von sich gibt. Daß man es hier mit einem Kunstwerk zu tunhat, lehrt der Vergleich mit der von Hrotsvit benutzten Quelle, aus derdie Dichterin ein kleines Stück herausgriff und mit freier Erfindung zueinem Drama umschuf, das auch in der heutigen Zeit seine Wirkung nichtverfehlt, da es rein menschliche Dinge wahr darstellt.
Soweit bewegen sich Hrotsvits Stücke in aufsteigender Linie, in denfolgenden beiden Dramen muß ein entschiedenes Sinken ihres Talentskonstatiert werden und zwar sowohl in der Erfindung des Stoffes wie inder Durchführung. Denn das fünfte Stück ist nur eine schwächlicheWiederholung des Abraham und das sechste entbehrt, weil es rein allegorischgedacht ist, des wirklichen Fleisches und Blutes, obwohl gerade genug Blutdarin fließt.
Der Pafnutius oder die Conversio Thaidis meretricis besitzt von allenStücken am wenigsten Handlung, trotzdem er länger ist als die übrigen.Vielleicht griff die Dichterin, um diesem Mangel abzuhelfen, zu einem aller-dings sehr eigentümlichen Auskunftsmittel. Nämlich fast die ganze ersteSzene, d. h. reichlich ein Viertel des Stückes, besteht aus einem wissen-schaftlichen Gespräch des Pafnutius mit seinen Schülern, das in keinerBeziehung zur Entwicklung des Dramas steht und also einfach fortfallenkönnte. Jenes Gespräch 1 ) in Form einer Katechese beginnt mit der Unter-
') Es setzt sich aus Entlehnungen aus Boethius' Arithmetik und Musik zusammen.