Hrotsvit von Gandersheim. 625
herzurichten, doch Calimachus besticht den Fortunat, ihm die Leiche dergeliebten Frau zu zeigen. Er gelangt ans Ziel seiner Wünsche, aber einefurchtbare Schlange tötet ihn und den Bösewicht Fortunat im selben Augen-blick. Andronicus kommt mit dem heiligen Johannes an das Grab derGattin und entdeckt dort das entsetzliche Verhängnis. Johannes befiehltder Schlange zu entweichen und erweckt mit Christi Hilfe den Calimachusvom Tode, der in der bittersten Reue sein schändliches Vorhaben eingestehtund Besserung verspricht. Auch Drusiana wird wieder lebendig und nachausführlicher Einsprache von Calimachus und längerer Gegenrede desJohannes erweckt Drusiana mit Christi Hilfe den Fortunat, der aber seineAuferstehung verwünscht und daher von neuem tot dahinsinkt. Unterziemlich ausführlichen und wegen ihrer Länge wenig zur Situation passendenReden über Neid und Hoffart schließt das Stück, dessen erster Teil in-folge der fast völlig freien Behandlung des Stoffes und infolge der ungemeinfrischen und lebendigen. Weise, mit der der aufregende Stoff vorgetragenwird, nicht nur zu den besten Leistungen Hrotsvits selbst gehört, sondernauch die meisten der späteren hexametrischen oder elegischen Dramenübertrifft. Wenn man jedoch aus der Ähnlichkeit einiger Stellen mit Shake-speares Romeo und Julia geschlossen hat, daß Hrotsvit und Shakespeareaus gleicher Quelle schöpften, oder gar, daß der englische Dichter dasWerk der Nonne gekannt hat, so möchte ich mich hier unbedingt der Ver-werfung dieser Ansichten durch Strecker 1 ) anschließen.
Das bedeutendste Stück Hrotsvits als Gesamtleistung aber ist derAbraham, mit vollem Titel Lapsus et conversio Mariae neptis HabrahaeIteremicolae. Ein alter Einsiedler Abraham besucht seinen Freund Effremund teilt ihm mit, daß er aus Sorge um das künftige Heil seiner NichteMaria, eines reizenden Kindes von neun Jahren, beschlossen habe, derenVermögen an die Armen zu verteilen und sie selbst Christus anzugeloben.Das Kind geht aus Freude über die ihm gewährleistete Zukunft auf denVorschlag ein und erhält eine Zelle neben der des Oheims. Nach zwanzigJahren tritt Abraham wieder bei Effrem ein und teilt ihm seinen großenSchmerz mit: ein Verführer in Mönchsgestalt habe sich seiner Nichte ge-nähert, die den Weg durchs Fenster genommen und dem Laster in dieArme gefallen sei. Wohl habe sie tiefe Reue gezeigt, aber die Ver-zweiflung habe sie dann dem Laster gänzlich zugeführt, nachdem sie ent-flohen sei; und er selbst habe ein Traumgesicht gehabt, das ihm die Fluchtdeutlich anzeigte, aber er habe die Vision auf anderes bezogen und aufdie Wirklichkeit nicht geachtet; einer seiner Freunde verfolge die Spur desMädchens und er selbst wolle, falls man sie entdecke, unter der Maskeeines Liebhabers versuchen, sie zum Frieden zurückzuführen. Nach zweiJahren nun meldet ihm dieser Freund, daß er das Mädchen im Hause einesKupplers entdeckt habe. Abraham bestellt sofort ein Pferd und eineRüstung, setzt einen Hut auf, steckt sein einziges Goldstück zu sich undmacht sich auf die Reise. Er langt in jenem Hause an und begehrt als-alter Liebhaber eine Zusammenkunft mit dem schönsten Mädchen. Maria
2 ) Neue Jahrbücher Bd. 11,592.
Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. IX, 2. 40