620 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Äbtissin des Klosters wurde, unterrichtet und in die kirchliche wie profaneLiteratur eingeführt. Dieser Unterricht muß sich besonders auch auf dieLehre von der Dichtung erstreckt haben, denn wenn auch Hrotsvit in derVorrede zur Gesamtausgabe der Legenden mit der gewohnten Bescheiden-heitsphrase ihre Metrik und Syntax tadelt, so sprechen doch eben ihrezahlreichen Gedichte für das Gegenteil. Dort hebt sie auch ausdrücklichhervor, daß sie unter Gerbergs Anleitung : ) mehrere Autoren gelesen habe,wobei es sich wohl um weniger bekannte, wie vielleicht um Terenz handelte,dessen genaue Kenntnis sie in ihren Dramen vielfach verrät. Sie war nochin jungen Jahren, als sie sich selbst an literarische Produktion wagte, undzwar ohne fremde Hilfe und heimlich vor den Schwestern. Sie vertrautesich niemand an, wie sie selbst sagt, um nicht wegen ihrer Ungeschicktheitin ihrem Vorhaben gehindert zu werden. So beschäftigte sie sich in allerHeimlichkeit, bald schreibend, bald das Geschriebene tilgend, bis sie dasZiel erreicht und aus der im Kloster vorhandenen Literatur der Vergangen-heit Neues geschaffen hatte. Ihre Tätigkeit erstreckte sich zuerst auf dieVersifizierung von Heiligenlegenden, später auf dramatische Behandlungsolchen Stoffes und endlich ging sie zur epischen Behandlung der Geschichteihrer Zeit und ihres Klosters über. Übrigens mußte Hrotsvit sich einenVorwurf gefallen lassen, den man gegen ihre ersten Dichtungen erhob.Man sagte ihr nämlich, daß sie teilweise apokryphe Stoffe behandelt habe.Sie weist diesen Vorwurf zurück, denn sie habe, als sie an diese Stoffeherangetreten sei, deren zweifelhafte Gültigkeit nicht gekannt. Und miteinem für jene Zeit anerkennenswerten Freimut bekennt sie, daß sie diebetreffenden Stücke später nicht habe tilgen wollen, da sich das vielleichtnoch als Wahrheit ausweisen werde, was man jetzt für Irrtum ausgebe.Zuerst also behandelte die Dichterin legendarische Stoffe in epischeroder elegischer Form. Sie begann mit der Legende der Maria, die sie imJakobusevangelium 2 ) gefunden hatte. Dann bearbeitete sie eine Himmel-fahrt, die ein Bischof Johannes aus dem Griechischen lateinisch übersetzthatte, und das Leiden des fränkischen Märtyrers Gangolf. Hierauf folgtedas Leiden des heiligen Pelagius von Cordova, das Hrotsvit nach der münd-lichen Erzählung eines Augenzeugen aus Cordova 3 ) darstellte. Das letzteStück der ersten Reihe bildet der Fall und die Bekehrung des VizedominusTheophilus in Anlehnung an die Übersetzung, die der Diakon Paulus vonNeapel Karl dem Kahlen gewidmet hatte. Diese fünf Gedichte widmeteHrotsvit ihrer Lehrerin Gerberg, als sie schon Äbtissin geworden war, mitdem Wunsche, sich beim Lesen von den Anstrengungen ihres Amtes zuerholen und das Gelesene zu verbessern. 4 ) Dieser Serie folgte bald eine
') Vielleicht hat v. Winterfeld rechtmit der Annahme (Hrotsvithae opera p. XIIn. 39), daß Gerberg ihre Vorbildung zu Regens-burg erhalten habe und daß Hrotsvits Kennt-nisse zum Teil auf Autoren von St. Emme-ramer Ueberlieferung zurückgehen. Merk-würdig ist jedenfalls, daß ihr Boethiustextmit dem Regensburger stimmt. Vgl. auchK. Strecker, Neue Jahrb. (1903) 11, 575
und n. 1.
2 ) K. Strecker wies nach, daß diesdas apokryphe Evangelium des sogenanntenPseudo-Matthäus ist, im Progr. von Dortmund1902 S. 7 ff. und Neue Jahrb. 11,576.
3 ) Siehe Köpke, Otton. Studien 2, 77 undStrecker, Neue Jahrb. 11,579f.
4 ) Ueber den Erfolg der AVidmung s.Strecker S. 581.