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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
zerstreuen, das frühere Lehen des Wolfes zugesprochen. 1 ) Auf diese lang-ausgesponnene Erzählung hin hält die Otter Umschau über die Feinde, zudenen sich inzwischen der Fuchs gesellt hat, und dieser bringt es durcheine List dahin, daß der Wolf seine Burg verläßt, worauf ihn der Stiersofort tötet. Das Kalb befreit sich nun, und der Fuchs setzt dem verwandtenWolf eine höhnende Grabschrift.
Das Gedicht verrät ohne Zweifel eine gewisse Geschicklichkeit desVerfassers in der Verknüpfung verschiedenartiger Tierfabeln. Diese ent-halten jedenfalls vielfache innere Beziehungen auf das politische LebenLothringens, doch sind die Anspielungen bei dem Mangel an ausführlichenGeschichtsquellen nicht leicht zu erkennen. Wenn nun auch anerkannt werdenmuß, daß ein so kompliziert gehaltenes Gedicht, das auf das höfische wieauf das klösterliche Leben der Zeit ungemein viel Bezug nimmt, kaum eineErstlingsarbeit sein kann, und daß also der Dichter wohl schon früher 2 )literarisch produktiv aufgetreten ist, so unterliegt doch die ganze Form-gebung des Werkes schweren Bedenken. Das zeigt zunächst die Dispositionim großen, 3 ) die, falls das Gedicht wirklich in ursprünglicher Gestalt über-liefert wird, in der dem Pantschatantra ähnlichen Einschachtelung vonmehreren Fabeln und in der örtlichen Zertrennung zusammengehörigenStoffes seltsam genug erscheint; man könnte somit eigentlich daran denken,daß dem Werke die letzte Vollendung fehlt. Und es hat Voigt (S. 63—67,s. Peiper, Anzeiger f. deutsch. Altert. 2, 104) ja auch wirklich nachgewiesen,daß Vs. 852—905 einen fremden Bestandteil darstellen und wohl auf spätereInterpolation zurückgehen, denn diese Verse scheiden inhaltlich wie formalaus. Und zweitens ist der Dichter doch ganz außerordentlich unselbständigverfahren, indem sein Werk eigentlich einen großen Cento darstellt. Hierbeispielt Horaz die Hauptrolle, aus dessen Gedichten mehr als ein Fünftelaller Verse stammt. Dann kommt Prudentius und in weitem Abständefolgen Vergil, Ovid und MarcellusEmpiricus. 4 ) Häufig werden auch Sedulius,Juvencus, Fortunat und Arator verwendet, desgleichen Eugenius von Toledo,einzeln Pei'sius, Serenus, Symphosius, Boethius und Beda. Literarisch wichtigendlich ist, daß Abbo von St. Germain und Johannes Scottus benutzt werden.Vielleicht ist aber mit den Untersuchungen Voigts 5 ) die Aufdeckung diesesVerhältnisses noch gar nicht abgeschlossen und der Cento in dem Gedichtenoch viel weiter ausgebildet, wie auch schon durch Voigt (S. 31) auf eineziemliche Anzahl von anscheinend anderswoher entlehnten Versen aufmerksamgemacht wurde. Dieses künstliche Aneinandersetzen der einzelnen Flick-stücke hat nun dem Gedicht von vornherein einen einheitlichen Charaktergenommen; eine gewisse formale Konkrepanz liegt einzig darin, daß derDichter so oft als möglich die Zäsur des Verses nach der Penthemimeres
') Ausführliche Analyse der Innenfabelbei Voigt S. 40—48.
2 ) Auch die in der Einleitung vorgelegteAuswahl von Stoffen für poetische Behand-lung läßt dies als -wahrscheinlich hervortreten.
3 ) Vgl. Voigt S.35.
4 ) Das Werk wird im Katalog von St.
Evre (Becker N.68) nicht erwähnt, wie über-haupt in keinem alten Kataloge. Seine Er-haltung im Laudun. 420 s. IX beweist dasVorhandensein an mehreren Orten im Franken-reiche.
5 ) S. 27 ff. und besonders in den Noten derAusgabe.