Kleinere Gedichte und Sammlungen aus der Karolingerzeit. 599
undis, Prodiiur aut dubiis actibus esse focus/) Haud opus est ratio, sapientia nulla necesseest, also ähnlich wie in Agobaids Schrift gegen Gundohads Gesetz Ep. 5,158—164. DasFließen der Quelle wird Vs. 95 f. auf Corhinian, den Schutzheiligen Freisings, zurückgeführt;der Frevel Vs. 105 ff., der Bittgang 115 ff., Timos Hund {quem se est fassus amasse nimis)137 ff. — Hs.: Monac. 21571 s. XI f. 233b. Kritische Ausgabe von Dümmler, PL. 2,120,der es wahrscheinlich macht, daß der Dichter ein Zeitgenosse Timos gewesen ist. —Watten-bach 1, 287 f.
2. Carmen de exordio gentis Francorum. Um das Jahr 844widmete ein unbekannter Dichter, unter dem man den Diakon Flavianusvermutet hat, Karl dem Kahlen ein kurzes episches Gedicht, zu dem ihmden Stoff die unter Ludwig entstandene Genealogia regum Francorum 2 )lieferte, die der Dichter auch zweimal als Prosa (Vs. 9 und 47) erwähnt.Er beginnt seine Dichtung mit der Ausdehnung der römischen Macht überGallien und eilt dann zu Ansbert, dem Ahnherrn des karolingischen Hauses,dessen älteste Vertreter eingehend behandelt werden. Spätere werden nurgenannt, aber Karl der Große und Ludwig erhalten ausführlichere Dar-stellung. Gegen Ende des Gedichts verspricht der Verfasser, daß er spätereRuhmestaten des Königs zum Ausgangspunkt für eine künftige poetischeDarstellung nehmen werde. Augenblicklich aber wolle er das vollführen,was ihm der König aufgetragen habe, nämlich ein Gedicht über die TatenChristi, in dem er sich an die vier Evangelisten anschließen werde.
Zeugnisse. Das Gedicht ist nicht lange nach Karls Regierungsantritt geschrieben,vgl.Vs. 45 und 124, Dümmler, PL. 2,141. Von Flavian besaß man in Cluni (Delisle,Lecab. des mscr. 2, 479, 535) Liber Flaviani diaconl ad Lotharium Imperatorem versiflce delaude eiusdem et aliorum de quorum progenie descendit, et de veteri et novo testamento. Wäreaber das letzte Werk auch von Flavian, so müßte eiusdem davorstehen. Außerdem aber istdie Angabe Lotharium imperatorem doch so bestimmt, daß an eine Vertauschung für Karolumregem unbedingt nicht gedacht werden kann, zumal diese Dichtung de laude eiusdem war,was von unserem Gedicht bezüglich Karls des Kahlen doch nicht gesagt werden kann. 3 )Außerdem verspricht der Dichter Vs. 142 Christi referam miracula versu, also nichts überdas Alte Testament, und die Angabe des Katalogs von Cluni et de veteri et novo testamentosagt nichts darüber, ob es sich um ein Gedicht handelte; vielmehr ist es wahrscheinlich,daß dieser zweite Teil der Hs. aus Prosa bestand. Somit dürfte unser Gedicht nichts mitdem Diakon Flavianus zu schaffen haben. Die Behandlung ist sehr ungleich, die Ahnherrennehmen Vs. 27—82 ein, Ansgis bis Pippin Vs. 83—87, Karl und Ludwig Vs. 88—123, derRest verteilt sich auf Wünsche für Karl und Ausblicke auf die Zukunft. Bei dem Ver-sprechen eines Gedichts über den Inhalt der Evangelien werden Vs. 143 die Symbole derEvangelisten erwähnt. Hs.: Paris. 8303 s. X f. 20b. Ausgaben von Pertz, MG. SS. 2, 312und besonders von Dümmler, PL. 2, 141.
3. Gedichte aus Auxerre im Bern. 358. Höchstwahrscheinlichstammt aus Auxerre eine im Autograph erhaltene, aber nur fragmentarischüberlieferte Sammlung von Gedichten, die von einem gelehrten Mönche 4 )verfaßt wurden. Dem Dichter kam es hier vor allem auf Belehrung an,er hat eine Menge Materialien in diese didaktischen Stücke hineingearbeitet,die von reicher Benutzung der alten Literatur zeugen. Außerdem suchteer durch Anwendung seltnerer Versmaße seine metrischen Kenntnisse zurSchau zu tragen, und dabei ist denn das eigentlich poetische Elementmanchmal zu kurz gekommen. Im zweiten Stück 5 ) — es sind achtzigpherekrateische Verse nach Boeth. consol. phil. 2 metr. 2 oder 4 — will
*) Gleich ignis, französ. feu.
2 ) Hrsg. von Waitz, MG. SS. 13, 245.
3 ) Vgl. besonders die entgegenstehendenWorte Vs. 134ff.; der Dichter hat für Karlnur Wünsche.
•*) Remigius scheint es nach v.Winter-feld (PL. 4, 243 n. 2) nicht gewesen zu sein.
6 ) Vom ersten ist nur das'Fragment eineralcäischen Strophe erhalten.