552 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
91. Aedilvulf.
Aedilvulf ist wahrscheinlich Abt eines Klosters 1 ) gewesen, das auf
einer Insel in der Nähe von Lindisfarne lag und von dem angelsächsischen
Großen Eanmund gestiftet worden war, der die Regel von Bischof Eadfrid
von Lindisfarne und von Bischof Ecgberht erhalten hatte. Wahrscheinlich
war Aedilvulfs Vorgänger der nachmalige Bischof Ecgberht von Lindisfarne
(803—821) gewesen und diesem widmete Aedilvulf ein längeres Gedicht
über die Geschichte des Klosters kurz nach seiner Erhebung zum Bischof.
So könnte man nach Traube das Gedicht als einen Scheidegruß des neuen
Abtes an den früheren ansehen.
Zeugnisse. Name und Presbyterstellung nach der von Hampe, Neues Archiv 22, 634verbesserten Aufschrift (Mus. Brit. Cotton. Tib. D. IV s. X f. 309) presbiter meritis exigmäAediluulf; die Widmung Amicorum pvaestantissimo atque dilectissimo sacerdoti magno Ecg-berchto. Im Cantabrig. Ff. 1. 27 p. 203 Incipit pvefacio Ethilvulft Lindisfarnensis eccleskmonachi ad Ecgbertum Lindisfarnensem episcopum de abbatibus eiusdem ecclesie. Stiftungdes Klosters (es war dem Petrus geweiht, s. 4,10 f. und 21, 2 (PL. 1, 585. 600)) durch Ean-mund s. die Abschnitte 3 und 4 p. 585, zur Regel s. 5 und 6,1—9 p. 586 f. Latinisierungvon Aedilvulfs Namen 23, 1 p. 603 Haec Liipus, alte pater, stolido de pectore Clarns Car-mina conposuit. Daß Aedilvulf damals Abt war, erhellt wohl aus 23.7—10 und besonders 11Cum guibus (sc. monachis) haec cantans cupiens sua miscere vota Non cessat und aus demGegensatz 15 clari ... patres und 17 Me quoque. 2 ) Vgl. über diese persönlichen VerhältnisseTraube, Karolingische Dichtungen S. 9—18. Dümmler, PL. 1, 582.
Das Gedicht besitzt außer der Vorrede dreiundzwanzig Abschnitte.
deren erster und letzter in Distichen, die übrigen in Hexametern geschrieben
sind. Aedilvulf erzählt, daß der leidenschaftliche König Osred den Herzog
Eanmund gezwungen habe, geistlich zu werden. Dieser habe darauf ein
Kloster gestiftet und dessen Regel durch die Bischöfe Eadfrid und Ecgberht
erhalten. Hierauf folgt die Geschichte des Iüosters unter seinem Begründer
(c. 6—12) und unter den folgenden sechs Aebten (c. 13—15. 17. 18) und
dann erzählt Aedilvulf von seiner eignen Zeit, nämlich von dem Lector
Hyglac, 3 ) vom Presbyter Vynfrid, von den Geschenken, die das Kloster
erhielt und von einer Vision, die er selbst hatte.
Der dichterische Ausdruck Aedilvulfs ist zwar nach den üblichen Mustern gebildet,' 1 )aber die Sprache ist doch noch schwer und oft ungefüge. Besonders lehnt sich Aedilvulfan Aldhelm und Cyprianus Gallus 5 ) an (s. Traube, Karol. Dichtungen S. 19 ff. und 22 ff.).
Hss.: Mus. Brit. Cotton. Tib. D. IV s. X. Oxon. Bodlei. 163 s. XL Cantabrig. Pf. 1. 27s.XIII. Ausgaben: Mabillon, Acta SS. ord. S. Ben. saec. 4, 2, 304—321: Dümmler, PL. 1,583—604; vgl. Mabillon, Annales ord. S. Ben. 2, 25 ff. Kritische Nachträge bei Traube,Karol. Dicht. S. 26 ff.; dort S. 31—37 der Vorzug der Londoner Hs. nachgewiesen. In dieserHs. fehlen die ersten zwölf Verse, die sich in einer Hs. der Kathedrale von Winchester s. Xfinden; da beide Hss. sonst stimmen, so war die letztere also früher der Anfang der Lon-doner Hs.; s. Hampe, Neues Archiv 22, 697.
92. Ermoldus Nigellus.
Ermold stammte wahrscheinlich aus Aquitanien unweit der Loire, daer über diese Gegenden genau unterrichtet ist und von der Loiregegendals von seinem Vaterlande spricht. Er gehörte dem geistlichen Stande an
1 ) Daß er dem Kloster schon frühzeitig | *) Vgl. PL. 2, 697 f.
angehörte, ergibt sich aus c. 17, 2 und 18, 9 f. ") Dieser Dichter ist den Angelsachsen
(PL. 1, 597). Aldhelm, Beda, Alchvine wohl bekannt und
2 ) Vgl. außerdem 1,7 p. 584 dilecti munus sie haben ihn vielleicht erst wieder dem Fest-amici. land vermittelt; zur karolingischen Zeit wurde
3 ) Vgl.Traube,Karol.DichtungenS.40ff. er oft abgeschrieben.