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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

breiten x ) und zwar mit steten Angriffen auf den abscheulichen und unwissen-den Mönch; zugrunde liegen die Vorschriften Martians und bei der RhetorikCiceros de inventione. Und ohne noch irgendwelche Verbindung mit demeigentlichen Thema zu behalten, 2 ) geht er dann auf das Quadrivium über,wobei er sich gleichfalls an Martian hält, aber in seinen astronomischenSpekulationen auch Plato, Aristoteles und Porphyrius anführt und sach-liche Kongruenz zwischen Plato und der Bibel konstatiert. Mit solchenDingen solle sich, meint er, ein Mönch beschäftigen und solle darübernachdenken, ob beim Befehl Josuas, daß Sonne und Mond stillstehen sollten,auch die übrigen fünf Planeten und die Weltbahn stillgestanden hätten.Sei dies der Fall, dann müsse auch die Sphärenmusik aufgehört haben, undmit diesem Gedanken knüpft er an das Vorhergehende einige allgemeineErörterungen über Musik. Alles das wisse jener Mönch natürlich nicht,der die Künste nie innerlich, ja nicht einmal äußerlich erfaßt habe, aberjedenfalls von sich denke, daß er alles wisse. Der Mönch, der vielleichtnur grammatisch gebildet sei, hätte doch erst untersuchen müssen, ob dervon ihm Verspottete nicht ein wenig Kenntnis in der Literatur besitze.Am Ende dieser ungemein weitschweifigen Schrift wendet sich Gunzo wiederan die Reichenauer Mönche und sagt, er habe ihnen dies mitteilen müssen,damit sie die Eitelkeit des törichten Mönches und zugleich erkennen könnten,daß er selbst nicht ganz so ungebildet sei, wie ihn jener hingestellt habe.Zuletzt erinnert er sich aber, daß man für seine Feinde beten müsse, undso beschließt er sein Werk mit einem Gebet für alle Übeltäter, das aller-dings durch die Erwähnung der zu schrecklichen Strafen im Tartarus Ver-dammten einen durchaus heidnischen Anstrich erhält.

Soll man das Ganze als eine große Ironie auffassen? Die Kleinlichkeitder Beleidigung und manche Stellen könnten fast darauf hindeuten. Aberder Ton ist doch so bitter und die Anklage ist namentlich gegen das Endehin so scharf, daß man wohl mehr an Befriedigung der Rachsucht desheißblütigen und spottsüchtigen Italieners glauben muß. Geschickt ist diesePolemik unbedingt abgefaßt, wenn sie auch in ihrem dritten Teil, der denfreien Künsten gewidmet ist, infolge ihrer Länge etwas ermüdend wirkt.Pedantisch aber möchte ich sie auf keinen Fall nennen, 3 ) sie übertreibt nurin außerordentlicher Weise und bauscht die Kleinheit des Tatbestandes ge-waltig auf. Und bewundernswert ist die Sprache, denn ein so verhältnis-mäßig reines Latein, das nicht durch Satz- und Gedankenungetüme ent-stellt wird, dürfte man im 10. Jahrhundert außer bei Liutprand ver-gebens suchen. Man erkennt aus Stil und Sprache deutlich, daß Otto derGroße Recht hatte, wenn er einen solchen Sprachkünstler nach Deutsch-land zog. Man vergleiche nur einmal hiermit das Latein von EkkehartIV.in den Casus S. Galli oder das Widukinds oder Hrotsviths mit diesem

') Hier (col. 306) werden auch die Ver-rinen Ciceros angeführt, wie col. 307 auf dieCatilinarien angespielt wird.

2 ) Nur daß er z.B. col. 309 f. bei der Ver-schiedenheit der Berichte Piatos und Cicerosfragt, ob diese Autoren deshalb von jemandgetadelt würden.

3 ) Manches schmeckt allerdings sehrnach der Schule, so col. 304 E die Frage, obAdam die Kenntnis der Künste nach demSündenfall verloren habe, oder 310 E, ob dieandern fünf Planeten außer Sonne und Mondbeim Befehl Josuas auch stillgestanden hätten.