Gunzo von Novara.
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Der Brief beginnt mit einer allgemeinen Bemerkung über Beleidigungen,und Gunzo berichtet, daß ihm eine solche durch einen Mönch angetan sei.Damit aber die Reichenauer Brüder die Sache richtig beurteilten, erzählter nun von seiner Berufung durch den Kaiser, von der gemeinsamen Reise,der Ankunft in St. Gallen und von der Beleidigung selbst, wobei er, dasie ihm in Versen angetan wurde, nicht unterläßt, sich über Mönchspoesielustig zu machen, 1 ) da sie viel zu hastig produziert werde; er bezweifelt,daß überhaupt jemand heute noch ein wirkliches Gedicht verfassen könnte,da die Alten 2 ) ja viele Jahre dazu gebraucht hätten. Und die Vertauschungder Kasus komme im Altertum bei Prosaikern wie bei Dichtern vor, waser durch Beispiele belegt, wobei er durch eine aus Servius genommeneHomerstelle 3 ) seine Unkenntnis im Griechischen offenbart. Die Beispielestammen aus Dichtern, aus der Bibel und aus Prosaikern, und sich selbstentschuldigt Gunzo damit, daß er im Gebrauch des guten Latein durchseine italienische Volkssprache etwas behindert werde. Sodann sammelter eine ganze Reihe von Stellen aus der älteren Literatur, aus denen Nach-lässigkeit der Rede hervorgehe, wobei er freilich weit von seinem Themaabschweift. Das gibt ihm Gelegenheit, gegen den Satz zu Felde zu ziehen,daß die Rede nur im Wort und nicht in der Bedeutung beruhe; denn dannsei ja auch alles Fabelwerk für nichts zu halten und die mystische Aus-legung der hl. Schrift abzulehnen. Die Ursache aber zu jener Beleidigungsei wahrscheinlich gewesen, daß jener Mönch einen auf Kot von Hundengewachsenen Rettich gegessen habe, und die Untat sei ja auch nicht zuverwundern, da der Mönch wohl einer von denen sei, die vor kurzem ihreneignen Abt verjagten. Und dann sucht Gunzo alles an dem Mönche hervor,was mit einer solchen Tat in Einklang stehen könnte, wobei sein ganzesÄußere in Betracht gezogen und ihm sogar eine messingne Gesichtsfarbebeigelegt, sowie sein eigentlicher Name mit Achar, dem aus dem BuchJosua bekannten Übeltäter, identifiziert wird. Hieran knüpft nun Gunzoeine lange Auseinandersetzung, die auf seinen eignen B.uhm und Preis 4 )hinausläuft. Und in sich glaubt er sogar das Studium der Literatur-wissenschaft 5 ) selbst verletzt, da er an hundert Bücher mitgenommen habe,unter denen sich Martianus Capella, Piatos Tiniäus, Aristoteles' Periermeniasund Topik, 6 ) sowie die Topik des Cicero befanden. Und dabei werde er,dem Gott so vieles gegeben habe, wegen der Verletzung eines Kasus an-gegriffen! Jener Mönch glaube vielleicht, daß Adam die sieben freienKünste anfänglich wohl gekannt, aber deren Kenntnis durch den Sünden-fall verloren habe. Die Erwähnung der Künste aber gibt dem GunzoGelegenheit, sich über das Trivium und seine Bedeutung weiter zu ver-
l ) Martene et Durand, Veterum SS.ampl. collectio 1, 296 Otto vacans os aperit etpoema emittit, Ignorant oeconomiam carminis•.. observare dignitates in poesi nescit.
2 )WieJuvenal,Persius,StatiusundVergil.
3 ) Nämlich aus Servius zu Aen. 10, 698;vgl. hierüber Bursian, Gesch. d. Philol. inDeutschland 1, 43 n. 1. — Uebrigens hat erhier seine Weisheit im allgemeinen aus demletzten Abschnitt des siebzehnten Buches von
Priscian genommen.
4 ) col. 303 Seiet forsüan et ipse, quantumdamnum rei publicae inferre voluit, cumpost-qtiam veni, quid utile egerim cognoverit.
6 ) litteratoriae professionis (col. 304)stammt aus der Vorrede Priscians.
6 ) Plato und Aristoteles jedenfalls nurin der Bearbeitung von Chalcidius und Boe-thius.