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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
gelehrten Theologen, 1 ) nämlich dem Bischof Atto von Vercelli aufgefordertwurde, ihm über kirchlich verbotene Ehen zu berichten. Die AntwortGunzos ist in einem anscheinend stark fragmentarisch erhaltenen Briefean Atto noch vorhanden, es wird in ihr ein Brief des Papstes Zachariasan Bischof Theodor von Pavia als Unterlage für die zu gebende Belehrungausgeschrieben. Als nun Otto das Kaisertum erneuert hatte und auf demRückwege nach Deutschland begriffen war, vermochte er Gunzo, 2 ) ihm überdie Alpen zu folgen. Der Kaiser mochte schon öfter von dem gelehrtenHerrn gehört haben und hatte sich schon mehrmals, wie wenigstens Gunzowohl etwas selbstgefällig berichtet, an die Großen von Oberitalien gewendet;den berühmten Grammatiker mit nach Deutschland ziehen zu lassen. Dochman hatte diesen nicht dazu zwingen können, da er keinem Fürsten unter-stand und er außerdem in ansehnlicher äußerer Lebenslage war; erst aufpersönliche Bitte Ottos hatte Gunzo eingewilligt und überstieg nun imWinter 964/965 mit dem Kaiser die Alpen. Diese Reise setzte die Gesund-heit des Gelehrten in Gefahr und als man im Januar 965 in St. Gallenanlangte, freute sich Gunzo ungemein auf einen behaglichen Aufenthalt imKloster. Aber schon die Aufnahme war kühl und reseiwiert, und währendeines witzigen Gesprächs mit den Mönchen passierte es dem vielleicht etwashochmütig auf die Deutschen herabsehenden Italiener, daß er den Akkusativstatt des Ablativs gebrauchte. Schon vorher war ihm ein junger Mönchaufgefallen, der sich auffällig mit den Fürsten zu schaffen machte 3 ) unddem deshalb der Lehrer (oder Abt?) strafende Blicke zuwarf. Dieser Jüng-ling hörte den Fehler und warf dem Gunzo sofort einige Spottverse insGesicht, in denen er sagte, daß der Alte wie ein Schuljunge die Rute dafürbekommen müßte. Die Anwesenheit der Großen verbot jedenfalls demGunzo, sich sofort dafür zu rächen, aber er bereitete eine Rache vor, diedem Gelehrten noch angenehmer sein mußte als die augenblickliche. Erschrieb nämlich an die Reichenauer Mönche, deren Gastfreundschaft er wohlnach dem Aufenthalte in St. Gallen gekostet hatte, 4 ) einen langen Brief,in dem er nicht nur das Unglück, das ihn betroffen, in spottender Ironiedarstellte, sondern auch in der Weise des Schulmeisters seinen Fehler zurechtfertigen, mindestens zu entschuldigen suchte und dabei eine gehörigeGelehrsamkeit recht geflissentlich zur Schau trug, um sein überlegenesWissen gehörig zu zeigen und die Mönche von St. Gallen, die mit denReichenauern nie auf gutem Fuße standen, weidlich zu ärgern. DieserBrief ist literarisch nicht unwichtig, wenn auch manches darin übertriebenscheint, und man hat ihn daher auch mehrfach im 10. und 11. Jahrhundert
abgeschrieben.
1 )Vgl.Hellmann,SeduliusScottusS.182n. 7, wo erwiesen wird, daß er den Kommen-tar des Pseudo-Primasius benutzte.
2 J Ein Landsmann Gunzos, Stephan vonNovara, war durch König Otto und BischofPoppo von Würzburg schon früher nachWürz-burg berufen worden, wo er Vorträge hielt;er ging aber 970 nach der Heimat zurück.Siehe Wattenbach 1,352 (und n.4). 353.
3 ) Die Stelle ist ungemein zweideutig und
sonderbar, der Haß des Beleidigten hat hier-bei wohl besonders gesprochen. Vielleicht warjenerpusio Ekkehart II., s.Meyer v.Knonau,Mitteil, z.vaterl. Gesch. hrsg.v. hist. Verein zuSt. Gallen 15.16 (1877) S. 327 f. n. 391.
4 ) Der Kaiser ging nämlich von St. Gallennach Keichenau, s. MG. Diplom. 1, 392 N. 276;die Urkunde ist am 23. Januar 965 auf derReichenau ausgestellt.