472 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
liebe für griechische Wörter, die unbedingt auf eine gewisse Kenntnisdieser Sprache hindeutet; die von Dümmler (Neues Archiv 4, 521) angeführtenStellen lassen sich sehr vermehren. Im allgemeinen läßt sich übrigens be-haupten, daß dieser poetische Verkehr nicht gerade auf bedeutenden wissen-schaftlichen und literarischen Betrieb im Kloster schließen läßt, wenn manihn mit den Gedichten eines Hraban oder Walahfrid vergleicht. Dazu stimmtauch die oft recht mangelhafte Prosodie und Metrik dieser Gedichte, unddas steht wieder in Einklang mit der an antiker Literatur verhältnismäßigrecht armen Büchersammlung, deren Katalog vom Jahre 831 Hariulf vonSt. Biquier aufbewahrt hat. Ohne Zweifel aber ist Micon der bedeutendsteliterarische Charakter des Klosters in jener Zeit, und sein poetisches Florileghat denn auch bald eine ziemliche Verbreitung erlangt.
Zeugnisse. Zum Namen Micon s. Traube, PL. 3, 272; die doi't gegebene Ableitungvon mica ist wahrscheinlich, da Micon mehrfach auf seine kleine Statur anspielt (vgl. p. 279,I, 1 Micon lerntet parvus; p. 368 N. 171, II excerptae a pusillitate Miconin und III ego per-parvus . . . Ipse Micon parvus ac minimis minimus; p. 295, III, 5 talia craxanti Miconi pu-sillo. Seine Stellung kennzeichnet Hariulf im Chron. Centul. 1, 23 (Migne 174,1234 0) alsMi/con diaconus et monachus. Die Lehrfächer ergeben sich aus der Abfassung des poetischenund prosaischen Werks über Prosodie und des Glossars. Zur Geschichte des langobardischenFlorilegs s. Traube, PL.3,273 und Archiv f. lat Lex. 6,266; daß es in Reichenau vermehrtwurde, ergibt Vs. 217 der Exempla div. auet. und Miconis florileg. 248, nämlich Walahfr. devita et fine Mammae 4,16; vielleicht ist hier auch Pauli diac. de S. Benedicto 93 (= Exempla45 und Micon 224) beigefügt worden. Sehr merkwürdig ist aber, daß Columbani (?) praeeeptavivendi 87 bei Micon 341 und 88 in den Exempla 122 steht; waren beide Verse in Reichenauhinzugefügt und ist je einer in den abgeleiteten Sammlungen ausgelassen worden?
Die Exempla diversorum auetorum stehen im Vatic.reg. 215 s. IX ex.(aus Laon), daraus ediert von H. Keil, Ind. lect. Halle 1872 und E. Chatelain,Bevue de philol. 7, 65, die Verse aus Q. Serenus und aus Avitus auch beiB. Peiper, Alcimi Aviti opera p. LXIX. Von Interesse sind die nicht un-bedeutenden Vermehrungen bei Micon gegenüber den Exempla, die sichaus der Zusammenstellung bei Traube, PL. 3, 780 ff. ergeben (vgl. auchManitius, Bhein. Mus. 50, 315—320) und aus denen hier das Wichtigste an-geführt sei. Einige Dichter gehören fast nur den Exempla an, so AlcimusAvitus, Horaz, Priscian (Periegese), Serenus; etwa gleichmäßig treten inbeiden auf die Dichter der Anthologie, x ) Arator, Martial, Persius, Prudentius.Bedeutend mehr Verse als die Exempla hat Micon aus Cyprianus Gallus,Fortunat, Juvenal, Lucan, Lucrez, Ovid, 2 ) Paulin von ISTola, Statius, Vergil.Ausschließlich dem Micon gehören an Verse aus Avian, Cato, Ciceros undGermanicus' Aratea, Juvencus, Theodulf, Smaragd (Audrad, Milo), Licentius,Orientius, Prosper, Sedulius, Sidonius. Allerdings können die Exempla vielaus dem alten Florileg ausgelassen haben, wie ja auch Micon nicht wenigaus seiner Vorlage entfernte. Eine Ableitung der Exempla sind die vonA. Biese (Bhein. Mus. 26, 333 ff.) herausgegebenen Exempla Parisina imParis. 4883a s. XI f. 28, die nichts Neues bringen. 3 ) Außerdem dürfteneinige Aufschriften in alten Katalogen von Blaubeuern, Göttweih, Cluni undParis (s. Manitius, Neues Archiv 32, 680 unter Mico) mit den Exempla mehr
') Verse aus Dracontius'Orestis tragoedia 3 ) Die von Riese S. 336 zusammen-gehen nur die Exempla. gestellten Adespota sind von Traube meist
2 ) Die Exempla geben nur Verse aus den , untergebracht worden.Metamorphosen und (1) aus den Remedia.