Micon von St. Riquier.
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L.Traube hat nämlich durch seine scharf sinnige Untersuchung der Brux. 10470bis 10473 und 10859 festgestellt, daß beide Handschriften ehedem einGanzes bildeten und daß wir es bei ihnen mit einer großen Zusammen-stellung aus St. Riquier zu tun haben, deren Stücke 1—67 und 152—171von Micon stammen, während die dazwischengeschriebenen Massen 68—119auf Fredigard, den Verwalter des Pilgerhauses, und 120—151 auf diesensowie auf den Mönch Odulf zurückgehen. Diese drei Hauptmassen lassensich zeitlich so fixieren, daß die Gedichte Micons in die Jahre 825—853,die Fredigards 861—871 und die Fredigards und Odulfs 864-866 fallen!Die Gedichte Micons bestehen hauptsächlich aus allerlei Aufschriften, Grab-schriften, Epigrammen und Versen auf christliche Feste. Von wichtigerenStücken erwähne ich N. 5 auf das Schreibhaus des Klosters, N. 13 auf eineWeltkarte, N. 33 das Epitaph Nithards, der als Laienabt des Klosters x ) 844starb; 32, 1 ff. wird der Mönch Leutgaud als ausgezeichneter und kunst-reicher Metriker velitt unus Poiyhirianus gepriesen und 36, 2 f. der MönchDonadeus in seinem Epitaph als vortrefflicher Kenner der Geometrie undder Mechanik gerühmt. In N. 154—156 finden sich kurze Aufschriften aufKunstwerke, in N. 162 bittet Micon einen Lehrer, wohl Radbert von Corbie,ihm den Fortunat zu senden, wenn dessen Werke sich bei ihm befänden. 2 )In 158, 6 ff. befindet sich eine christliche Erklärung zu Catonis disticha 1, 20(vgl. außerdem N. 164, 3 f.), ein derber Scherz auf einen lurgo meribibulusist N. 161. Merkwürdig ist, daß Micon den Empfänger mehrmals bittet,seine Verse nach der Lektüre dem Feuer zu übergeben; 3 ) vielleicht triebihn die Bescheidenheit dazu, die sich auch in N. 167 äußert, wo er derJugend empfiehlt, frühzeitig dem Studium obzuliegen, was er leider selbstverabsäumt habe. Die Gedichte Fredigards sind viel weniger sprachgewandtund rein als Micons Verse, bringen aber manches Persönliche und lassenhäufig einen tieferen Einblick in die im Kloster herrschenden Verhältnissetun. N. 92 richtet sich an König Karl (monachorum lucerna), N. 95 ist einhübsches Dankgedicht an eine Drossel, die dem Dichter durch ihren Gesangdie Zahnschmerzen benahm. N. 83 ist ein Plagiat, da Fredigard hier Alch-vines Gedicht 68, 1—17 (PL. 1, 287) abgeschrieben hat; von Alchvine be-einflußt ist außerdem N.112 und 123, die in ihrem Tone stark an diefrühere Hofpoesie erinnern. Von den Gedichten Odulfs und Fredigards sinddie meisten persönlicher Natur und richten sich an den Abt oder an Schüleroder Brüder; inhaltlich sind sie meist unbedeutend und die Form läßt oftzu wünschen übrig. Erwähnt sei, daß N. 130—132 Verse zu Genesisbilderndarstellen. Gemjinsam ist dieser ganzen Gedichtsammlung die große Vor-
') Ueber die Laienäbte von St. Riquiers. die Zusammenstellung bei Traube. PL. 3,268 f.
2 ) Aucb an anderer Stelle, Carm. 102, 8,hat Micon diese Bitte ausgesprochen; nachdem alten Katalog des Klosters (den Teil delibris grammaticorum hat Traube p.266 ver-bessert herausgegeben) N. 18.19 befand sichseit 831 im Kloster Versus Probae et medietasFortunati I vol.; vgl. hierzu Traube p. 267.Daselbst 102. 1 ff. bittet Micon um Ueber-
sendung von Claudian de statu animae, umdanach das im Besitz des Klosters befindlicheExemplar (nostnim . . . male falsum) zu ver-bessern. Dieses Werk wird übrigens in altenAufschriften aus s. IX nur in Lorsch und auchspäter nur selten genannt; ich kenne nur elfKataloge, die es erwähnen (s. Neues Archivf. sächs. Gesch. 18, 255. P, 25).
3 ) Vgl. 158,17. 163,11. 164,25; ebenso102,14.