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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
reich ausgestattetes Stift. Dieser Grammatikerkatalog ist insofern interessant, als er denVelius Longus, Probus, Flavian und Romanus (d. h. wohl Charisius, der den Julius Romanus iausgeschrieben hat) nennt. 1 ) Keine uns bekannte mittelalterliche Bibliothek außer Bobbiohat diese Seltenheiten vereinigt, und überhaupt finden sich alle erwähnten Werke mit Aus-nahme des Audax 2 ) nur im Katalog dieses Klosters s.XI; nur St. Riquier bot noch einige von !diesen Schätzen. Und so hat es den Ansehein, als ob der Verfasser Abt oder wenigstens jMönch in Bobbio gewesen sei. Der Adressat war jung, vgl. p. 564,17 ad cotidianum scilicettui diligentis studii postum et odoriferam coronam ingeniöse pubertatis; daß er Mönch war,ergibt sich aus der Anrede p. 564, 4 Dilectissimo fratri, während aus p. 564, 8 fili carissimedie höhere Stellung des Verfassers hervorgeht. Nun steht im Paris. 17959 vor dem Werkef. 15 Tractatus in partibus orationis cukisdam. Item tractatus Älcuini vel Fridegisi ad Sige-bertum de grammatica nach Thurot, Not. et extr. 22, 2,7, und Thurot hat danach die Ver-fasserschaft des Traktats bedingungsweise dem Fridugis zuerteilt. Aber die Schrift selbstist dort in Verwirrung geraten und mit anderem durchsetzt. Allerdings paßt die Abtstellungdes Fridugis und seine frühere Stellung an der Hofschule 3 ) wie auch die Beziehung zu Alch-vine auf den Verfasser unsrer Schrift; Fridugis ist aber Angelsachse (Vita Alcuini 11, MG.SS. 15,191) 4 ) und das paßt nicht zu me pene de extremis Germanie gentibus ... procreatum,was doch auf ostfränkische Abstammung geht. Außerdem ist jene Aufschrift im Paris. 17959selbst zweifelhaft, und vielleicht geht daher der von Thurot p. 8 genannte Traktat f. 25—37auf Alchvine oder Fridugis zurück. Näheies wird sich erst nach Herausgabe der Schriftbestimmen lassen, die jedenfalls wichtige Zeugnisse zur Ueberlieferungsgeschichte bietetund deren Verfasser nach der Ueberschrift (Paris. 17959) f. 43 AH VHPBQ etwas Griechischkonnte. Zum übrigen s. Bp. 4,565,5—24. Der Widmungsbrief ist in einem höchst schwülstigenund geschraubten Stile verfaßt 5 ) und bietet mancherlei aus der Vulgata und anderswoher(vgl. 565, 2 de spineto vel arundineto) genommene seltene Wörter.
Fridugis gehörte in die engste Umgebung Alchvines. Er war dessenSchüler am Hofe und folgte ihm nach Tours und erhielt nach dem Todeseines Lehrers dessen wichtigste Abtei St. Martin. Als Abt von Toursunterschrieb er das Testament Karls des Großen, und Ludwig der Frommeerhob ihn 819 zu seinem Kanzler, im folgenden Jahre zum Abt von St. Omerund St. Bertin, wo er freilich kein gutes Andenken hinterließ. 6 ) Seine Tätig-keit als Kanzler hatte den Erfolg, daß das barbarische Urkundenlatein einerreineren und leichter verständlichen Sprache Platz machte. Noch als jüngererMann und zwar als Diakon richtete er an die Hofgesellschaft Karls einenBrief, in dem er über zwei Fragen sichere Auskunft zu geben gedachte,die vor kurzem bei Hofe zwar zu einer längeren Erörterung geführt hatten,aber doch nicht genügend beantwortet schienen. Es waren die zwei Fragen,ob dem Nichts und ob der Finsternis Realität zukomme. Er ließ nichtnur das Nichts als etwas Seiendes 7 ) gelten, sondern gab auch der FinsternisKörperlichkeit. Solche logische Kunststückchen trugen ihm später durchErzbischof Agobard von Lyon heftigen Tadel ein. Zuweilen waren übrigensdie Behauptungen von Fridugis ganz vernünftig, sie verstießen aber gegenwissenschaftliche Anschauungen der Zeit. So hatte er einst behauptet, daßnicht alle Patriarchen, Propheten, Könige und Priester im Alten Testament
') Außerdem Priscian, Donat, Audax (Au-dacius), Eutyches (Eutex), Victorinus, Focas,Asper und Pompeius.
2 ) Der Katalog ist aber an einer Gram-matikerstelle sehr lückenhaft erhalten; Audaxkonnte dort ganz gut aufgeführt sein.
3 ) Vgl. Ermoldi in hon. Hludow. 3, 289.4, 429 f. (PL. 2, 49.70).
4 ) Vgl. M. Ahner, Fredegis von Tours(Leipz.l878)S. 4.
5 ) Auch das paßt nicht zu Fridugis, dessen
Abhandlung über die Realität des Nichts undder Finsternis einen ganz anderen Stil auf-weist.
6 ) Siehe darüber Folcwin, Gestaabb. s.Bertin. 46 ff. (MG. SS. 13, 614). Hauck 2,149undAnm.5. Puckert, Aniane und GelloneS. 33 und 259.
7 ) Nämlich insofern es als der Urstoffalles Geschaffenen aufgefaßt wird, s. Ahn er,Fredegis S. 47 f.