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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
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Christian von Stablo. 431

60. Christian von Stablo.

Nach Sigebert stammt Christian aus Aquitanien und wandte sich nachGallien, später ist er in Stablo Mönch geworden und hat hier als Lehrergelebt. Noch im Jahr 880 ist er hier nachweisbar und die Zeitgenossenmüssen ihn wegen seiner Klugheit und Gelehrsamkeit hoch geschätzt haben.Er hat in seiner etwa 865 verfaßten Auslegung des Matthäus ein bedeutendesDenkmal seines Fleißes und seiner ungewöhnlich großen Einsicht hinter-lassen. Da er nämlich bemerkte, daß seine Schüler auch nach zweimaligerErklärung jenes Evangeliums nichts im Gedächtnis behielten, so stellte erseine in der Schule gegebenen Erläuterungen schriftlich zusammen und gabsie als Buch heraus, das er den Mönchen der beiden eng verbundnen KlösterStablo und Malmedy widmete. Er erklärt in der Widmung, daß er sichnicht erkühnen wolle, mit Ilieronymus in die Schranken zu treten; er wolledas, was dieser unberücksichtigt gelassen, hervorheben, und außerdem sprecheer als Landsmann verständlicher zu seinen Zeitgenossen. Er befleißige sicheiner einfachen Ausdrucksweise, denn es sei töricht, wenn der Auslegereinen neuen Ausleger nötig habe. Und er bevorzuge in der Erklärungdurchaus die historische Seite, da diese die Grundlage alles Wissens sei,und nicht die allegorische. Auch zwinge er sein Buch niemand auf under werde gern ein besseres von andrer Seite in die Hand nehmen. Findesein Buch Anklang, so werde er später das Johannesevangelium auslegen,denn dessen Erklärung durch Augustin sei für die Jugend zu hoch gegeben.Markus sei wegen Bedas Auslegung nicht von neuem zu erklären und daer vom Bedakommentar zu Lukas nur einige Homilien besitze, so werdeer für dieses Evangelium einen Kommentar schreiben, falls ihm BedasArbeit nicht ganz unter die Augen komme. Man sieht also, Christian trugsich mit umfassenden Plänen, deren Ausführung für die Schule berechnetwar. Daß sie nicht ausgeführt wurden, muß man aus mehreren Gründenbedauern.

Nämlich die Matthäuserklärung gibt einen vollgültigen Maßstab für dieBedeutung Christians als Schriftsteller. Er begnügt sich nicht, wie diemeisten seiner Zeitgenossen, damit, für die Bedeutung des Textes in alle-gorischer und moralischer Hinsicht alle möglichen und unmöglichen Parallelenaufzusuchen und in dieser Beziehung den patristischen Vorbildern zu folgen,sondern er sucht ein wirkliches Verständnis des Testes anzubahnen, soweitdies mit dem Zurückgehen auf die an sprachlicher Gelehrsamkeit unüber-troffenen Werke des Hieronymus möglich war: den Wortsinn richtig zuerfassen, war für ihn die erste und wichtigste Aufgabe, der er mit Fleißund Geschick nachgeht. So setzt er gleich im Anfang auseinander, welchesder wirkliche Titel des Matthäusevangeliums und warum dies der Fall sei;er erläutert das Wort Incipit und spricht dann über Evangelium, dessen Her-leitung von äyyelog er mit Hilfe Priscians gibt. Dann geht er schulmäßigauf Zeit, Ort und Person des Autors ein und darauf entrichtet er aller-dings seiner Zeit den Tribut, indem ihm die Vierzahl der Evangelien reicheGelegenheit gibt, auf Zahlensymbolik über die Vier einzulenken.' Hierbeispricht er auch davon, daß er einst ein griechisches Evangeliar, angeblich