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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil,
57. Angelomus von Luxeuil.
In dem Mönche Angelomus, der in der Mitte des 9. Jahrhunderts inLuxeuil lebte, fand die allegorische Erklärungsweise eines Alchvine undHraban einen Fortsetzer. Zunächst scheint er sich an die Genesis ge-wagt zu haben, um deren Erklärung ihn der Magister Mellinus bat, welcheBitte durch den Presbyter Leotric unterstützt wurde, wie er selbst in seinemWidmungsbriefe an Leotric berichtet, wo er auch erzählt, daß er durchMellinus in das Verständnis der heiligen Schrift eingeweiht worden seiund dessen Erklärungen in sein Gedächtnis aufgenommen habe. Währendder Arbeit war Leotric zum Presbyter befördert worden und dieser drangnun in den Mönch, besonders das Hexaemeron nach dem Buchstabensinnso zu erklären, wie es sein Lehrer mündlich getan habe, und das, wasIsidor in seinem Genesiskommentar übersehen habe, nachzuholen. Angelomusberichtet weiter, daß er die Arbeit zögernd übernommen habe, da er inden freien Künsten nicht gehörig unterrichtet sei; allerdings habe er schonfrüher etwas geschrieben und während der Arbeit habe er seinem LehrerMellinus das Fertiggestellte vorlesen müssen und sein Lob erhalten. Nebender Hervorhebung des Wortsiunes habe er übrigens öfters auch die alle-gorische und moralische Bedeutung erläutert. Diesen ausführlichen Widmungs-brief hat Angelomus mit einem sehr wenig formvollendeten Gedicht begleitet,in dem der Inhalt der Genesis kurz skizziert wird und der Verfasser diepoetische Vorrede Smaragds zur Donaterklärung reichlich ausplündert.
Dieses Werk wohl bewog mehrere Brüder in Luxeuil und auch andereGeistliche, den Angelomus um die Erklärung der Bücher der Könige zuersuchen, zumal man im Kloster keinen alten Kommentar zu diesembiblischen Werke besaß. Er ging auf die Bitten ein und als er die Arbeitbegonnen hatte, 1 ) hörte Bischof Drogo von Metz davon und forderte ihnauf, das Werk fortzuführen und zu vollenden. Angelomus berichtet nunin der Vorrede, daß er in manchen Stücken ganz den Vätern gefolgt sei,an manchen Stellen aber den Text der Väter zusammengezogen habe, ananderen wieder die Erklärung seines Lehrers biete und nur selten Eigenesgebe; und zwar bringe er die historische, allegorische und moralische Er-klärung. Das Werk ist höchst wahrscheinlich vor dem Tode Drogos (855)veröffentlicht. Zur Vorrede hat Angelomus einen poetischen Begleitbriefgestellt, der ebenso wie der frühere besonders aus Lappen aus SmaragdsVorrede 2 ) zusammengesetzt ist. In beiden Gedichten (1, 29ff. und 2, 1.20)hat er übrigens die allegorische Erklärung hervorgehoben.
Jedenfalls war der Ruf des Angelomus schon zu den Ohren KaiserLothars gedrungen, denn dieser beorderte den Mönch im Jahre 851 anseinen Hof, um hier an der Schule Vorträge über die freien Künste zuhalten und mit dem Kaiser über geistliche Dinge zu sprechen. Hierbeitrug ihm Lothar einen Kommentar zum Hohenliede auf, den Angelomusaus den Schriften der Väter und eignen Erklärungen zusammenstellen und
') MG. Ep. 5, 623,14 f. ist nach TerenzAndr. prol. 1 gegeben.
-) Hierzu kommt Sedulius und eine Stelle
aus Alchvines poetischer Vorrede zur Dispu-tatio de rhetorica et de virtutibus Vs. 8 (Carm.70, IL PL. 1, 300).