Druckschrift 
1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
Entstehung
Seite
414
Einzelbild herunterladen
 

414 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

nachzuweisen. Am Schlüsse bemerkt er noch, er habe geschrieben, wiees ihm möglich gewesen sei; habe man etwas auszusetzen, so möchtenseine Auftraggeber bessernd eingreifen. 1 )

Inzwischen hatte sich ßatram auch mit Studien über die Seele be-schäftigt und er erhielt vom Bischof Odo von Beauvais den Auftrag, dieSchrift eines Mönches von Beauvais zu widerlegen, der durch den Iren Macariuszu der Ansicht gelangt war, daß, wie die ganze Menschheit substantiell alsein einziger Mensch, so auch alle menschlichen Seelen als eine einzigeaufzufassen seien. Macarius hatte diese Meinung aus einer irrtümlich auf-gefaßten Stelle Augustins (De quantitate animae 32,69) geschöpft und Ratramweist in dem Schreiben an Bischof Odo diesen Irrtum nach; doch ist dasWerk Ratrams an Odo De quantitate animae noch nicht herausgegeben.Aber auch König Karl scheint in die Frage eingegriffen zu haben, denner legte dem Klerus ein Thema zur Beantwortung vor Sitne anima circum-scripta sive localis. Darüber hat Ratram auch geschrieben, doch ist bisjetzt nur die Vorrede dieser Schrift an den König bekannt geworden, sowiedas Ergebnis, zu dem er aus den Schriften der Väter gelangte, nämlichdaß die Seele weder körperlich noch örtlich sei.

Auf andere Gebiete der kirchlichen Forschung wurde Ratram durchseinen Verkehr mit Rimbert und Adalgar geleitet. Er hatte einst bei demPresbyter Rimbert angefragt, was dieser von den Cynocephalen wisse, unddieser wiederum hatte ihm genügende Auskunft gegeben und dabei dieFrage gestellt, ob Ratram diese Geschöpfe für Menschen oder für Tierehalte. Nach längerer Zeit gab dieser Antwort, und es ist doch sehr be-zeichnend für die selbständige geistige Stellung des Mönches, daß er, ent-gegen der von Isidor vertretenen kirchlichen Autorität, hier der Ansichtzuneigte, daß man es mit Menschen zu tun habe; allerdings hatte ihmRimbert früher solche Auskunft gegeben, daß diese Meinung leicht in ihmentstehen konnte. Der Brief ist klar und sachlich gehalten und benutztdas Leben des heiligen Christophorus sowie Isidors Etymologien vielfachals Unterlage. Später erholten sich Rimbert, der 865 Erzbischof vonBremen geworden war, und der Abt Adalgar von Korvei Auskunft beiRatram über Ehen, die innerhalb der Verwandtschaftsgrade geschlossenwurden; er beantwortete die Anfrage mit Zuhilfenahme der Lex RomanaVisigothorum.

Freundschaft verband diesen seltenen Geist mit dem unglücklichenMönche Godescalc, der ein längeres Gedicht an ihn gerichtet hat, aus demhervorgeht, daß Godescalc Ratrams Schüler gewesen ist und daß Ratramseinem Schüler Gedichte übersendet hat. Diese scheinen auf den ZustandGodescalcs berechnet gewesen zu sein, es waren Trostgedichte religiösenInhalts, und Godescalc erstattet dem Freunde dafür in dem inhaltreichstenseiner erhaltenen Gedichte einen Generaldank. Doch hat sich von RatramsPoesien nichts erhalten. Überhaupt ist die Nachwelt dem Andenken diesesklaren Geistes nicht gerecht geworden: seine Schriften sind später fast

*) Dies Werk Ratrams dürfte in das Jahr 868 fallen und ist seine letzte einiger-maßen sicher datierte Schrift.