Ratramnus von Corbie. Aeneas von Paris. 413
um an das Licht zu gelangen. Er weist zuerst den Irrtum aus der Bibelzurück und bedient sich dann der Kirchenväter, an die er Verse aus Pru-dentius und Fortunat anschließt. Am Schluß bemerkt er, daß er die Schriftnach Schülerweise geschrieben habe; werde sie von andern verachtet, sohabe er Freude an dem Exerzitium. Außer diesen Fragen beschäftigtedie theologische Welt damals die Abendmahlslehre, ob nämlich die Trans-substantiation eigentlich oder nur bildlich aufzufassen sei. König Karl be-traute auch hierüber den Ratram mit einer Klarlegung, und dieser wandtesich nun in einer Schrift über den Leib und das Blut des Herrn gegen dieAuffassung Radberts, indem er den Standpunkt verteidigte, daß Hostie undKelch bei der Verwandlung unbedingt der figürlichen Auffassung zu unter-liegen hätten, da im Abendmahl ein Mysterium vorliege und ein solchessich nur unter einer Verhüllung vollziehen könne. Auch dies Werk gründetsieh zwar vielfach auf Aussprüche der Väter, empfiehlt sich aber besondersdurch die Kürze und Klarheit des Ausdrucks. Aber auch in einer andern,die ganze abendländische Kirche betreffenden Angelegenheit äußerten sichRatrams scharfer Geist und Gelehrsamkeit. Der griechische PatriarchPhotios hatte nämlich in seiner 866 erlassenen Enzyklika der römischenKirche eine ganze Reihe heftiger Vorwürfe gemacht, die sich zum Teilauf Glaubenssachen und zum Teil auf kirchliche Gebräuche bezogen; be-sonders wichtig war der Vorwurf, daß die abendländische Kirche dieEmanation des heiligen Geistes vom Vater und vom Sohne lehrte. Hier-gegen erhob nun Papst Nicolaus I. Einspruch und er wandte sich in einemSchreiben an die sämtlichen Metropoliten 1 ) Westfrankens und forderte vonihnen Gutachten über die griechische Anmaßung. Für das Erzbistum Sensübernahm Bischof Aeneas von Paris diese Aufgabe, die er sich insofernziemlich leicht machte, als seine ganze Entgegnung fast nichts als eineAuswahl von Väterstellen, einschließlich Alchvines, bietet. In Rheims wurdeBischof Odo von Beauvais dazu bestimmt. Aber auch Ratram wurde auf-gefordert, zur Abwehr gegen die Griechen zu schreiben, und er nahm sichdieser Aufgabe mit großem Geschick an. Da er wohl wußte, daß derSchwerpunkt in den Anklagen der Griechen in der Emanationstheorie überden heiligen Geist lag, so definierte er zunächst den Begriff, das Wesen unddie Emanation des heiligen Geistes nach der im Abendland herrschendenAuffassung und wies die Richtigkeit seiner Definition aus biblischen Stellennach. Daß man aber auch später dasselbe Verständnis besessen, suchtRatram im zweiten und dritten Buche seiner Schrift aus einer ziemlich großenReihe von Vätern zu erweisen, wobei Augustin die Hauptrolle spielt. Im viertenund letzten Buche geht er dann auf die andern Klagpunkte der Griechen ein;er erweist, daß sich stets verschiedene Gebräuche schon bei den Judenund dann in der Kirche fanden und begründet die Abweichungen derrömischen von der griechischen Kirche mit kräftigen Hinweisen auf diehierbei wirkenden Ursachen. Im letzten Kapitel weist er sehr nachdrück-lich die griechische Anmaßung zurück und sucht auf historischem Wegedie Superiorität des Papstes gegenüber dem Patriarchen von Konstantinopel
') Der Brief an Hincmar war vom 10. Dezember 867 datiert.