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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
ein. Im Jahre 822 nahm er an der Begründung des von Corbie ausgesandtenTochterklosters Korvei teil, die von den Oheimen Ludwigs Adalhard undWala eifrig betrieben worden war. Später wurde er selbst Abt in Corbieund zwar innerhalb der Jahre 842 und 847. Damals aber hatte er sichschon länger als einer der bedeutendsten Schriftsteller in Westfrankenhervorgetan. Er scheint mit der Erklärung des Matthäusevangeliums be-gonnen zu haben und sandte die ersten vier Bücher seines Kommentars anden Mönch Guntland von St. Eiquier, der aus Gedichten Micons und Fredi-gards bekannt ist: Micon richtete mit Guntland und Hericius einen poetischenBrief an Radbert und bat ihn, den Fortunat zurückzugeben, der sich inCorbie befand. Radbert war durch einige Brüder in Corbie aufgefordertworden, die Erklärung zu schreiben; für ihre Lektüre und zur Belehrungder Jugend verfaßte er das große Werk, wie er in der ungemein wort-reichen Widmung sagt. Als seine Quellen gibt er neben Hieronymus,Ambrosius, 1 ) Augustin und Gregor auch Johannes Chrysostomus und Bedaan; doch habe er auch andere Schriften, allerdings erst nach genauem Ver-gleichen mit den Worten der Väter benutzt und zur leichteren Kenntnis-nahme der Quellen habe er die Anfangsbuchstaben der Namen am Rande 2 )beigesetzt. Insofern entspricht der Kommentar durchaus den zeitgenössischenWerken, als er sich ganz auf die alten bekannten Quellen stützt, aber diesesind doch besser ineinander gearbeitet, die Berichterstattung erscheint ein-heitlicher als anderwärts und fällt nicht in eine ganze Anzahl zusammen-gesetzter Flicken auseinander. Besonders ist Radbert darauf bedacht, denBericht des Matthäus mit dem der andern Evangelisten in Einklang zubringen; die sonstige Erklärungsweise ist weniger allegorisch als die derZeitgenossen.
Als Abt Adalhard von Korvei 826 gestorben und Warin sein Nach-folger geworden war, beschrieb Radbert Adalhards Leben, der ja früherauch Abt von Corbie gewesen. Er sagt im Eingange dieser Schrift, daßer das Beispiel des Ambrosius und Hieronymus nachahmen wolle und dasLeben des Mannes darstelle, der fast vom ganzen Erdkreis für heilig undbewundernswert gehalten worden sei, zumal da er ihn im Leben nähergekannt habe. Die ganze Lebensbeschreibung ist in einem geistlichenKlageton gehalten, nicht nur der Tod, sondern auch das an äußeren Zu-fällen so reiche Leben des Heiligen bietet Radbert den Anlaß zu Schmerzund Klage. Zwischen diesen Klagen, die mit dem Lobe des Heiligen reich-lich gemischt werden, finden sich geschichtliche Tatsachen verstreut, diezuweilen von Wichtigkeit sind, 3 ) aber mehr beiläufig erwähnt werden. Einegewisse Vorliebe für die Antike geht aus Kap. 84 hervor, in dem der Ab-
Gegend von Soissons, auf die Bitte von derenLandsleuten in ein besseres Gewand gebracht,s. Migne 120, 1489 B.
') Ambrosius' Lucaskommentar scheintRadbert in der unter Abt Leutchar geschrie-benen Hs. (Petropol. F. I. 6 s. VIII f. 211) re-vidiert zu haben, da sich dort RATBERTVSunterzeichnet findet, s. Neues Archiv 5, 246.
2 ) Die Väter werden daher im Texte selbstnur ganz ausnahmsweise genannt. Zu den alii
(s. Ep. 6, 141, 24) gehört vielleicht auch derKommentar des Claudius von Turin. Benutztwird Eadberts Erklärung vielfach in dem Kom-mentar zu Matthäus im Paris. 2384 s. X, vgl.Schönbach, Wiener SB. 146, IV, 74 ff.; da-selbst S. 173 hält Schönbach die Benutzungdes Claudius für unwahrscheinlich.
3 ) Vgl.Kap.7 und 65f. (Migne 112,1511.1540 f.).