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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Lebens hätte voraussehen können. Man erkennt, die ruhigen Zeiten desBibelforschers waren vorüber, Kampf und Streit erwarteten ihn gegen Endeseines Lebens. Und doch rang er sich auch weiterhin die Muße zur Bibel-auslegung ab, denn diese Arbeit scheint bei ihm aus einem naturnotwendigenDrange hervorgegangen zu sein, dem er unbedingt folgen mußte: Er gehörtenicht zu den Geistlichen, die aus Eitelkeit und irgendwelcher Vorteile halberein Buch musivisch zusammensetzten; ihm war es heiliger Ernst damit,das bezeugen fast alle Widmungen und Vorreden zu seinen Schriften. ImJahre 821 sandte er an Theudemir einen Kommentar in vier Büchern zurExodus, 1 ) zwei Jahre später begann er einen solchen zum Leviticus, wobeier die Länge der inzwischen verflossenen Zeit mit der Unruhe im Reicheund gegen ihn gerichteten Angriffen böswilliger Menschen entschuldigt undzugleich von seiner eignen geringen Einsicht und seinem Mangel an Kenntnisder weltlichen Literatur spricht. Inzwischen hatte ihm Theudemir in demBriefe, in dem er sich für die Exoduserklärung bedankt, zweiundsiebzigStellen aus den Büchern der Könige namhaft gemacht und ihn um Erklärungdazu gebeten und an diese die dreißig Stellen angefügt, um deren Erklärungeinst Nothelm den Beda ersucht hatte; diese Stellen seien durch Unacht-samkeit des Abschreibers in Unordnung geraten, was Claudius verbessernmöge. Er erwähnt hierbei, daß Leidrat sich ungemein über den Exodus-kommentar gefreut und ihn zur Abschrift erbeten habe, und dasselbe habeder Erzbischof Nifridius von Narbonne getan, der ihn ebenso, wie Leidrat,um einen Brief bitten lasse. 2 ) Claudius erfüllte auch diesen Wunsch Theudemirsund schrieb obendrein noch einen Kommentar zum Buch Ruth. Er beklagtsich hierbei, daß er von verschiedenen Seiten der Anmaßung und Lächerlich-keit geziehen worden sei. Theudemir hatte ihn nämlich gebeten, seinerSchrift über die Bücher der Könige eine Vorrede und den von ihm (Theudemir)gesandten Bittbrief als Gesamteinleitung voranzustellen; das hatte Claudiusgetan, aber es wurde ihm von gewisser Seite sehr verdacht. Und baldhatte sich Claudius auch über Theudemir selbst zu beklagen, dem er wohlin allzu großem Vertrauen eine ganze Reihe von theologischen Arbeitengewidmet hatte. Wahrscheinlich war von seiten Dungais darauf gedrungenworden, daß die Schriften des auch aus andern Gründen anrüchigen Bischofsvon Turin zur Untersuchung ihrer Rechtgläubigkeit an den Hof nach Aachengeschickt würden. Entweder hatte Theudemir diesem Verlangen nachkommenmüssen, oder er machte, von seinem Gewissen getrieben, den Vorstoß aufeigne Hand, und so hält ihm Claudius in einem weiteren Briefe vor, daß erseine Erklärung zum Korintherbrief zur Verurteilung durch Bischöfe undweltliche Große nach Aachen gesendet habe; 3 ) eben als er am Kommentarzu den Fragen aus den Büchern der Könige schreibe, sei ihm diese Nach-richt aus der Aachener Pfalz zugekommen. Und doch wandte sich Claudius
') Das Werk wird außer ep. 7 (MG. Ep. 4,602, 12) und den beiden von Dümmler ib.n. 1 genannten Stellen nicht erwähnt und istverloren. Im J. 813 hatte er dem Theudemirden Genesiskommentar gesandt, s. ep. 7 (MG.Ep. 4, 602, 14 f.).
2 ) Man erkennt hieraus deutlich, daß
Claudius für die auf Alchvines Tod folgendenzwei Jahrzehnte der gesuchteste Bibelinter-pret gewesen ist. Seine angebliche Ketzereiund später das Auftreten Hrabans haben hierinerst die Aenderung hervorgebracht.
3 ) Vgl. Dum ml er, Berl. SB. 1895, 433.