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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Längst aber hatte Agobard im Verein mit andern einsichtigen Männernerkannt, daß die Lage des Reiches und der Kirche unter Ludwig unsichergeworden war. Parteiungen hatten den hohen Klerus durchsetzt und damitwaren Bedrückungen, Haß und Verachtung gegen die Kirche gekommen.Agobards klarsehender Geist hatte sich den Ursachen dieser Erscheinungennicht verschließen können und er schrieb daher an den ihm befreundetenErzbischof Bernhard von Vienne ausführlich über die Gerechtsame desPriesterstandes, wobei er sich heftig darüber beklagt, daß viele HerrenLeibeigne zu Priestern weihen ließen und sie dann als Hauskapläne zuallerhand unwürdigen Dienstleistungen gebrauchten. Und die in den Lyonbenachbarten Diözesen herrschende Rechtsunsicherheit 1 ) gab ihm Ver-anlassung zu einer ernsten Vermahnungsschrift an den Grafen Matfridvon Orleans, den man allgemein für den hielt, der die Rechtsbrecher vorder Strafe des Kaisers schütze. 2 ) Jedenfalls war auch Agobards Vertrauenzum Kaiser, das anfangs groß gewesen sein muß, nachgerade durch dieEreignisse stark erschüttert worden, und wir sehen den Erzbischof, alsLudwig nach wiederholten Zwisten mit Lothar im Februar 831 in Aacheneine neue Reichsteilung, mit Begünstigung Karls und unter Aufhebung derim Jahre 817 erklärten Reichseinheit, vornahm, sich vom Kaiser trennenund die Partei seiner Söhne ergreifen. So schrieb er 833 an Ludwig insehr eindringlichem Tone über die Reichsteilung. Er führt ihm ins Gemüt,daß all die Kriege, Unruhen und Aufstände der Gegenwart unnütz seien.denn der Kaiser hätte mit seinen Söhnen ein ebenso ruhiges Leben führenkönnen wie einst sein Vater und Großvater, wenn er die frühere Erbordnungaufrecht erhalten hätte. Erst durch die Neuteilung sei das Unglückgekommen, und er beschwöre daher den Kaiser, diese neue Ordnung zurück-zunehmen. Hiermit hatte Agobard den Übergang zur Einheitspartei völlighergestellt, und als dann die neue Empörung wirklich ausbrach und derKaiser den Aufruf an seine Vasallen erließ, entzog sich auch der Erzbischofvon Lyon dem Rufe Ludwigs. Dieser völlige Bruch mit dem Kaiser mußschwer auf Agobards Seele gelastet haben, denn bald darauf sandte er anLudwig eine Rechtfertigungsschrift, deren Ton darauf gestimmt ist, daßPapst Gregor IV. ins Reich gekommen war und sich zu den Gegnern desKaisers geschlagen hatte. Sie beginnt mit Erklärungen über die Gerecht-same und die Stellung des Papstes und findet ihren Hauptpunkt in denWorten: Ist der Papst gekommen, um Krieg zu führen, so werden wir dasbekämpfen; will er aber Frieden und Ruhe bringen, so muß man ihm ge-horchen. Hieraus geht deutlich hervor, obwohl es nicht ausgesprochen wird,daß Agobard jetzt die Autorität des Papstes höher achtete als die desKaisers. Und der Papst machte jetzt von seiner Autorität einen sehr aus-giebigen Gebrauch, er schrieb an die Bischöfe der kaiserlichen Partei, dieihn mit dem Prädikat „Bruder" begrüßt hatten, einen Brief voll Hohn undSpott und gab darin kund, daß die Herrschaft über die Seelen, d. h. dasgeistliche Amt, der Herrschaft über die Weltlichkeit, d. h. dem Kaisertum,
') ep. 10 p. 202, 8 Quievit timor rec/umet legum in multis.
2 ) ep. 10 p. 202, 23 multi talium putant
vos esse murum inter se et imperatorew, perquem defendantur a correctione.