382 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
das Gewitter und den Hagel zu Boden geschlagen seien; auch werde ge-glaubt, daß vor einigen Jahren der Herzog Grimald von Benevent ausFeindschaft gegen Karl Leute auf die Felder, Berge und Wiesen, sowie jan die Quellen geschickt, um dort ein Pulver auszustreuen, und dadurchsei die große Rinderpest entstanden. Diese Angaben werden zwar meistmit biblischen Waffen bekämpft, aber Agobard ruft doch auch schon,namentlich bei der letzten Beschuldigung, den gesunden Menschenverstandzu Hilfe.
In einer andern Sache wurde von Erzbischof Bartholomäus von Nar-bonne sein Rat begehrt. 1 ) In einer Gegend von dessen Sprengel war esletzthin oft vorgekommen, daß die Menschen wie von Epilepsie ergriffenhinfielen und vom Teufel besessen zu sein glaubten; außerdem wurden vielevon Brandmalen heimgesucht. Diese Menschen hatten in den Kirchen aller-hand Gaben dargebracht, um von dem Übel befreit zu werden. Nachdemsich Agobard in ziemlicher Breite über die Macht des Teufels geäußert undaus der Bibel reichliche Beispiele über ähnliche Zufälle beigebracht, sagter am Schlüsse seiner Schrift, daß jene Menschen mit der Darbringungvon Gaben, die nur der Schrecken erzwinge, Unrecht täten; sie solltenlieber ihre Habe den Armen und Landfremden geben und die Gaben inder Kirche nach kirchlicher Weise und Vorschrift der Väter machen, damitdaraus wirklich Frucht erwachse.
Bevor ihn aber diese Fragen beschäftigten, hat Agobard eifrig an derAgitation teilgenommen, die sich im Jahre 822 im Frankenreich gegen dieJuden 2 ) kundgab. Die Anregung hierzu war, daß ein früherer Konzils-beschluß von neuem eingeschärft worden war, nämlich daß die heidnischenSklaven der Juden sich nur dann taufen lassen durften, wenn ihre Herrendamit einverstanden waren. Dies erschien Agobard als eine Härte gegendas Christentum, und er wandte sich 822 an drei mächtige Herren, an denAbt Adalhard von Corbie, an dessen Bruder den Grafen Wala und an denAbt Helisachar von St. Riquier in einem Briefe mit der Frage, ob es rechtsei, solchen Sklaven die Taufe zu verweigern; beantworte man die Fragenach dem apostolischen Gebrauch, so falle die Antwort verneinend aus.Beschwert sich Agobard schon in diesem Schreiben über den jüdischenRabbiner, so hatte er einige Jahre später erst recht Grund dazu. Man mußnämlich in der Umgebung des Kaisers den Juden günstig gewesen sein undauf Agobards Schreiben war nichts geschehen. Vielmehr hatte der Rabbinerdem Bischof mehrmals gedroht, er werde sich durch kaiserliche BeamteRecht zu verschaffen wissen, wenn der Wille des Kaisers nicht geschehe.So wandte sich Agobard 826 an die Äbte Hildvin von St. Denis und Walavon Corbie, die fast ständig beim Kaiser weilten, mit der Bitte, Ludwigum Aufhebung des geltenden Rechts zu veranlassen, da es gegen die heiligenSchriften verstoße. Es scheint in Lyon in dieser Zeit fast zu einer Juden-verfolgung durch Agobard gekommen zu sein, doch die Juden hielten sich
') Er hat darauf nicht allein geantwortet, (Ep. 5, 206, 11 f.).sondern den Kleriker Hildigis und den Diakon 2 ) Ueber seine Stellung zu den Juden
Florus an der Beratung über die Fragen des handeltTh.Reinach,Revue des etudes juives
Bartholomäus teilnehmen lassen; s. ep. 12 50 p. LXXXI—CXI.