Notker der Stammler.
361
schon prächtige Geschichten von dem unerhört steifen griechischen Hof-zeremoniell und von abendländischem Mutterwitz gegenüber dieser byzan-tinischen Erstarrung zu erzählen. Das ganze Buch liefert geradezu köst-liche Stoffe für die poetische Erzählung und für balladeske Dichtung.
Wahrscheinlich bald nach dem Buche über Karl, das wohl 884 ent-stand, 1 ) dichtete Notker vier Hymnen auf den heiligen Stephanus, denSchutzpatron der Metzer Kirche, und widmete sie dem Bischof Ruodbertvon Metz, den er am Ende des dritten Gedichts anredet. Den Stoff nahmer aus Augustin 2 ) und Gregor von Tours, die Form bot ihm Prudentius.Zum Inhalt für die Gedichte ersah er sich den Tod des Märtyrers, seineRevelation und die Wunder, die er in Afrika und in Europa verrichtet hatte. 3 )
Wohl um dieselbe Zeit entschloß sich Notker, ein Leben des heiligenGallus zu schreiben. Er erzählt darüber in dem Widmungsbriefe der Sequenzenan Liutward von Vercelli, daß er an dem Gedicht über den heiligen Gallusunausgesetzt arbeite, und obwohl er dies früher seinem Schüler Salomo ver-sprochen habe, wolle er es lieber ihm (Liutward) schicken, damit er esverbessere und dem Kaiser Karl übergebe. Später hat Ekkehart D7. eineTorrede zu dem Werke geschrieben, die sich mit einzelnen Bruchstückenaus dem Anfang des Lebens erhalten hat. Daraus ergibt sich, daß dieAnlage dialogisch war, das Gespräch wird von Notker, Hartmann undRatpert geführt; die Aufforderung zum Abfassen des Lebens scheint vonHartmann ausgegangen zu sein. Es ist von v. Winterfeld nachgewiesenworden, daß Notker in der erhaltenen Einleitung des Werkes im Gegensatzzu Walahfrids Leben des heiligen Gallus bestrebt war, den Heiligen nichtso schnell von Ort zu Ort zu jagen, und mit schalkhafter Wendung aufden Reichtum und die Mittel des Reichenauer Abtes anspielt. Von dereigentlichen Anlage des Werkes lassen die spärlichen Fragmente nicht vielerkennen, 4 ) doch scheint es aus Prosa und Poesie gemischt gewesen zusein, obwohl die poetische Form wohl überwog. 5 ) Jedenfalls ist die Ein-leitung in Prosa geschrieben, soweit sie sich auf Columban bezieht, und derpoetische Teil des Lebens ist polymetrisch abgefaßt gewesen. Übrigens istes zur Widmung an Karl nicht gekommen, der Kaiser starb wohl, bevordas Werk fertiggestellt wurde. Vielmehr widmete es Notker dem Hartmann,der selbst am Dialoge beteiligt war. Noch im 15. Jahrhundert besaß manin St. Gallen dieses Leben des heiligen Gallus und die Widmung.
Das letzte der Zeit nach bestimmbare Werk Notkers ist sein Mar-tyrologium. 6 ) Die Veranlassung hierzu gab eine Sendung, die der Erz-
') ZurEntsteliungszeits.v.Winterfeld,Ztschr. f. deutsch. Altert. 47, 329.
2 ) 3, 15, 1 Hec mihi äoctor vetulit peri-tus, Nomen augusti merito retentans, gemeintist Civ. dei 22, 8. Von Gregor ist De gloriamartyrum 23—25 und 33, sowie Hist. Franc.2, 6 benutzt.
3 ) Ruodbert von Metz und der hl. Stepha-nus erscheinen auch in Notkers Leben deshl. Gallus, s.Weidmann, Gesch. d. Bibl.S. 489, 7 ff.
4 ) Doch macht v.Winterfeld, Neues
Archiv 28, 76 auf die kunstvolle Gliederungaufmerksam.
b ) Nach Notkers Worten Metrum quod devita S. Galli elaborare . . . insisto.
6 ) Ueber dieMartyrologien vonFlorus undWandalbert wird unten gesprochen werden.Bald nach Florus schrieb AdovonViennevor859 einen solchen Märtyrerkalender, der sichin Genf, Salzburg, Regensburg und St. Gallenfand (Neues Archiv 32, 672). 875 schriebUsuard auf Befehl Karls des Kahlen eingleiches Werk, zu dem er Hieronymus Beda