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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
indem er allerhand Geschichten von dem Verhältnis des großen Kaisers zuseinen Bischöfen und von dessen Kirchenpolitik zu berichten wußte. Außer-dem hatte Notker noch einen dritten Berichterstatter, der ihm wohl überpersönliche Verhältnisse erzählte; doch wissen wir weder seinen Namen,denn die Vorrede der Schrift ist verloren, noch ist etwas von seiner Er-zählung bekannt, da das ganze dritte Buch wie auch das Ende des zweitennicht erhalten blieb. Ob nun Notker diese Erzählungen über den altenKaiser bald aufgeschrieben hat oder nicht, das steht dahin. Jedenfalls hater, als Kaiser Karl III. 883 das Kloster besuchte, ihm aus seinem Erinnerungs-schatze mitgeteilt und Karl hatte solche Freude an den Erzählungen, daßer den Mönch bat, ihm ein Buch darüber zusammenzustellen. In der Wid-mung des Buches sprach sich Notker deutlicher über seine Quellen und dieEinteilung der Erzählung aus, und die Disposition hat er so getroffen, daßdas erste Buch aus den mannigfaltigsten Geschichten über Karl und dieKirche besteht, während das zweite über die auswärtigen Beziehungen,namentlich über die Verhältnisse des Kaisers mit den Griechen und demOrient handelt. Sonst aber findet sich keine erkennbare Disposition in derErzählung, die sich, getreu der mündlichen Überlieferung an keine Zeitfolgebindet; höchstens werden einige der vorgetragenen Geschichten um einenlokalen Mittelpunkt gruppiert. In dem Inhalt mischt sich Geschichte undSage bunt durcheinander. In der Mitte steht überall die Person des Kaisers,dessen kritischer Laienverstand und dessen scharfe Urteilsfähigkeit 1 ) häufigin starken Gegensatz zu der auf ihren Vorteil bedachten Kirche treten.Aber auch vom Mut und der persönlichen Tapferkeit des mächtigen Herr-schers wußte man sich später im Volke viel zu erzählen, und der behag-lich warme und volkstümliche Ton, in dem Notker solches vorträgt, erhöhtden Eindruck dieser prächtigen Geschichten ungemein. Dazu kommt dielebendige Darstellung, die infolge der häufig gebrauchten dialogischen Formden Leser unmittelbar in den Gang der erzählten Ereignisse einführt. Eigen-tümlich freilich ist die Sprache, denn Notker schreibt sonst ein gutes Latein,und Zeppelin hat nachgewiesen, daß sich in dem Buche eine ganze AnzahlStilähnlichkeiten mit den Briefen finden. Sonst aber ist das Latein hiersehr dem Deutschen angeähnelt und so volkstümlich gehalten, wie man esmeist in den Heiligenbiographien liest. Wahrscheinlich trug der deutscheUrsprung der Erzählungen zu dieser Sprache bei, indem Notker vielfachaus einem Idiom in das andere übersetzte, 2 ) ohne sich nach einer gewähltenForm umzusehen. Jedenfalls ist es sehr zu bedauern, daß anscheinend dieHälfte des ganzen Buches verloren ging, wodurch unsre deutsche Karlsageeinen großen Verlust erlitten hat. Übrigens findet sich in dem Buche, so-weit es erhalten ist, noch keine Beziehung zu der nachmaligen französischenKarlsage, weder Boland noch der Kampf bei Bonceval werden erwähnt.Dagegen wußte man nach 2, 6 (S. 670 f. in der Ausgabe von Jaffe) damals
') Das wird auch des öfteren unbedingthervorgehoben, vgl. 1, 15 p. 643 (Jaffe) quifallere nesciret et a nullo se fallt posse pu-taret; p. 644 quem insueta atque incognita ne-quaquam fngere vel latere potuissent.
2 ) Vgl. den Spielmannsreim Nu habet TJo-
dalr'ih firloran erono gelih Östar enti vestarsid irstarp sin svester bei Müllenhoff undScherer aus 1, 13 p. 642 (Jaffe) Nunc habetUodalrieus honores peräitos in Oriente et oc-cidente defuncta sua sorore.