358
Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Zählung behandelte. Er erzählt von drei Brüdern, die einen vom Vaterererbten Bock dem Bruder überlassen wollten, der sich den gewaltigstenBock wünsche; dabei wird denn der Mund tüchtig voll genommen und derDichter rät am Ende dem Leser, die Entscheidung selbst vorzunehmen. 1 )
Die hohe Bedeutung Notkers als Lehrer ergibt sich aber besondersaus einer an den jungen Salomo 2 ) gerichteten Schrift, die man in gewissemSinne als das erste kritische Handbuch der lateinischen Patristik bezeichnenkann. Salomo hatte seinen Lehrer darum gebeten, und dieser widmete ihmdie Schrift, indem er ihn nicht nur wegen seiner Beschäftigung mit un-nützen Dingen tadelt, sondern ihm auch vorwirft, daß er ihn als Lehrerfrüher nicht gründlich genug gehört habe, da ihm sonst alle jene Autorenbekannt sein müßten. So hat also Notker Vorträge über Patristik gehalten,und wir dürfen sein kleines Buch, das in alten Katalogen den Titel Notatioführt, für die Grundlage dieser Vorträge oder als aus den Vorträgenentstanden halten. In der Widmung unterdrückt Notker seinen und desAdressaten Namen, um sich und Salomo nicht bloßzustellen. Er behandeltin der Schrift nach der Reihenfolge der biblischen Bücher deren Auslegerund zählt auch eine ganze Reihe der Autoren auf, die die Schriften derKirchenväter in Auszüge gebracht haben, wie er z. B. S. 67, 29 das gewißseltene Exzerpt des Iren Ladken von Gregors Moralia dem Salomo empfiehlt,wenn dieser das umfängliche Werk Gregors wegen des hohen Preises oderwegen seiner vielfachen weltlichen Geschäfte am Hofe — Salomo war damalsschon kaiserlicher Kanzler — und im Kriege nicht lesen könne. DieserAufzählung 3 ) gibt Notker noch einen Anhang, in dem er zunächst dieSchriftsteller behandelt, die mehr beiläufig zur Bibelauslegung beigetragenhaben. Hierbei spielt Alchvine eine große Rolle, dessen Grammatik auchherangezogen wird, 4 ) dessen Briefe aber Notker dem Schüler nicht empfehlenwill. 5 ) Dann geht er auf die Dichter über, von denen er die christlichenwarm empfiehlt, während er die heidnischen als unnütz verwirft, obwohler S. 74, 5 einen Vergilvers (Ecl. 10, 33) anführt. Er schließt mit demHinweis auf die christlichen Literaturgeschichten von Hieronymus undGennadius, den er vielleicht in Verwechslung mit Julian zum Bischof vonToledo macht, wie er überhaupt einige Irrtümer einfließen läßt. Mit dieserSchrift steht ein kurzer Brief an Salomo in engem Zusammenhang, in dessenAnfang der Schüler mit dem lernäischen Sumpf, mit der Hydra 6 ) und miteinem brennenden Scheiterhaufen verglichen wird, da er im Fragen un-ersättlich sei. Notker bespricht hier noch einige Werke Augustins undProspers, sodann hagiographische Schriften, 7 ) unter denen mehrere zurück-
') Unwahrscheinlich ist hingegen die Zu-weisung dreier Fabelgedichte, die unter denendes Paulus diaconus stehen, an Notker (nachv. Winterfeld, Neues Archiv 29, 468—471).
2 ) Vgl. E. Dummler, Das Formelbuchd. Bischofs Salomo III. von Konstanz S. 68,26Si tarnen mox sacerdos fnturus . . . Sed tuiuvenculis non dedigneris legere, also nachder Diakonatsweihe, s. Dummler S. 159; vgl.außerdem S. 72, 13 tibi puerulo.
3 ) Er endet sie S. 69, 25 mit Hraban.
4 ) Sie wird über Donat, Nicomacbus (Fla-vianus? s. denKatalog vonBobbio beiBecker32, 425 und von Michelsberg 80, 196. Oderist Charisius gemeint?), Dositheus und Pris-cian gestellt!
5 ) S. 72, 13 quia tibi puerulo cum super-cilio scriptae videntur.
6 ) Beides nach Prudentius Peristeph. 10,881 f.
7 ) Notker hatte solchen Stoff schon fürseine Notatio in Aussicht genommen — p. 65,