Notker der Stammler. 357
ton ebenso anschlagen kann wie den der ernsten Ermahnung und der väter-lichen Freundschaft. So handelt N. 29 von der Herkunft und Notwendigkeitder Tonsur, während in N. 45, einem Glückwunschschreiben an Waldo zurErlangung der Priesterwürde, über sieben geistliche Amtsbezeichnungengehandelt wird und zwar meist besser als bei Isidor Etym. 7, 11. AndereStücke wie 42 und 44 sind mehr persönlichen Inhalts, besonders aber 47,wo Notker im Eingange mit potestas auf den Namen Waldo und mit paxauf die hebräische Bedeutung von Salomo anspielt und die Brüder unterBezugnahme auf ihren künftigen Aufenthalt in Italien ersucht, sich poetischerund prosaischer Darstellung zur Briefform unausgesetzt zu befleißigen, ummit ihm in stetem Verkehr bleiben zu können. Hier schließen sich ambesten einige weitere Schriften an, die Notker in seiner Lehrtätigkeit zeigen.
An den jungen Salomo, der damals noch Schüler war, richtete er eineindrucksvolles Gedicht über die sieben freien Künste, wobei er in engemAnschluß an Martianus Capella kurz ihrer hauptsächlichen Richtungen undWirkungen gedenkt und am Schlüsse der Musik zur Prosalektüre, d. h.Martians selbst, auffordert. In den poetischen Briefwechsel Notkers mitSalomo III. (und Waldo) führt eine kleine Sammlung ein, die Salomos Formel-buch eingefügt ist und den jungen Bischof von sehr lockerer Seite kennenlehrt, während Notker als älterer Freund und geistlicher Berater es anernsthaften, zum Teil hübsch eingekleideten Ermahnungen nicht fehlen läßt.Und in ein paar andern kleinen Gedichten, die wohl im Autograph erhaltensind, bittet Notker den jungen Freund um poetische Antwort und wünschtihm männliche Tüchtigkeit zu seinen jungen Gliedern. Auch ein kleinerDialog zwischen Lehrer und Schüler gibt von Notkers Wesen eine deutlicheVorstellung. 1 ) Der Lehrer (Notker) hat sich warm doziert an den achtRedeteilen und die Belehrung über die Stimmen, Buchstaben, Silben u. a.sich für später aufgespart, da eben ein Ferientag gekommen ist. Der Schülerwill ihm eine reiche Mahlzeit bereiten oder Schätze schenken, doch Notkerweist alles zurück mit dem Bemerken, daß ihm die Bitten und Gebete desSchülers mehr wert seien als alle Schätze.
Eine besondere Vorliebe besaß Notker für Rätselspiele und Scherzfragen.Er berichtet selbst darüber, daß er in einer sehr alten Reichenauer Hand-schrift als junger Mann allerhand Rätsel getesen habe — wahrscheinlichdie des Symphosius 2 ) —, die er erst später aus einer Augustinstelle (Civitasdei 18, 36) in ihrem Wert erkannt habe. In dies Gebiet schlägt ein Scherzein, den sich Notker mit den Reichenauer Mönchen erlaubte, wie Ekkehart IV.erzählt. Er hörte nämlich, daß die Reichenauer sich damit brüsteten, daßin ihrem Dorfe Ahalaspach ein Alantfisch von zwölf Fuß Länge gefangensei, und erzählte ihnen darauf, daß in St. Gallen im Januar Morcheln wüchsen.Da man ihm nicht glaubte, sandte er im nächsten Winter wirklich einefrische Morchel nach Reichenau und erbat sich in einigen Versen als Gegen-geschenk zwei Gräten des Riesenfisches. Reizend aber ist die Geschichtevom Wunschbock, die Notker 3 ) in einer überaus gelungenen poetischen Er-
') P. v. Winterfeld und nach ihm J.Schwalm halten den Dialog als von Notkerverfaßt, s. Neues Archiv 27, 742.
ä ) Sie fanden sich in Reichenau 821
(B. 6, 364).
3 ) Daß sie von ihm stammt, erwiesv.Winterfeld, Stilfragen a. d. lat. Dichtungd. Mittelalters S. 17.