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1 (1911) Von Justinian bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.

sein Vorgänger, da er in die Politik der Herrscher durchaus eingeweihtwar und auch kirchlichen Verhältnissen ungleich mehr Rechnung trägt.Seine Darstellung macht durchaus den Eindruck eines umfassenden Geistesund seine universale Anschauung läßt ihn auch öfters Umschau halten überdas ostfränkische Reich, über Italien und über Rom. 1 ) Und dabei trägter keine Scheu, seine Meinung unabhängig zu äußern, freilich wird seineMeinung, die er in eigner Sache vertritt, nicht immer ganz dem Sach-verhalte gerecht geworden sein. Übrigens gewahrt man in diesem ge-schichtlichen Werke die auch sonst stark hervortretende Vorliebe des Ver-fassers für langatmige Sätze und kühne Konstruktionen, sein Stil kann sichin Bezug auf Klarheit und Knappheit nicht mit dem seines Vorgängersmessen; auch ist der Wortreichtum Hincmars nicht eben groß, wie über-haupt das Äußere seiner ganzen Schreibart oft nicht mit dem InhaltSchritt hält.

Von besonderer Bedeutung aus dem ungemein reichen Gebiet seinerschriftstellerischen Tätigkeit, über das Flodoard in seiner Geschichte derRheimser Kirche eine breite Übersicht gibt, sind noch die Briefe Hincmars,die wohl von ihm selbst gesammelt und dann durch Abschriften aus Rheimsverbreitet worden sind. Kaum aber besitzen wir die sämtlichen Briefe, dieHincmar während seines langen und einflußreichen Lebens geschrieben hat,wie sich das auch schon aus Flodoards Zusammenstellung ergibt. Es sindnur Teile jener Sammlung auf uns gelangt, die wohl überhaupt auch nurin Teilen abgeschrieben wurde, wie die merkwürdigerweise fast sämtlichaus Deutschland stammenden Aufschriften in alten Katalogen dartun. AlsGeschichtsquelle sind diese Briefe von außerordentlichem Wert, wenigerals literarische Erzeugnisse, da Hincmar auch hier auf die Form wenigRücksicht genommen hat. So ist auch im Vergleich zur Ausdehnung seinerliterarischen Produktion die Zahl der von ihm benutzten Autoren, wennman von der Patristik absieht, nicht eben groß zu nennen. Nur ganz imVorbeigehen streift er einmal einen Vers aus der antiken Dichtung, währendihm die christliche Poesie zuweilen nicht wenig tributpflichtig wird. Sonennt er auch fast nie die antiken Autoren mit Namen, sondern begnügtsich mit einem quidam sapiens u. dgl., während er die zahlreichen und zu-weilen sehr umfänglichen und daher für die Überlieferung wertvollen An-führungen aus den christlichen Dichtern in der gehörigen Weise einleitet.

Daß Hincmar die antiken Dichter nicht sonderlich achtete, trotzdemer zuweilen Anführungen aus Terenz, Vergil, Juvenal, Cato und Nemesianmacht, ergibt sich auch aus seinen eignen Gedichten, in denen er fastnirgends die gewöhnlichen Vorbilder verwendet. Er verfaßte nämlich zueinem Werke über die Jungfrau Maria, das er abschreiben ließ, 2 ) wohlnoch vor 849 ein doxologisches Gedicht über Maria und Christus mit zu-weilen recht zweifelhafter Prosodie. Hingegen haben sich aus einem wohlumfänglichen dogmatischen Werke, das sich über die Prädestination, die

') So ist seine Geschichtsdarstellung auchspäter oft benutzt worden, s. unten.

2 ) Ueber Codices, die er an RheimserKirchen schenkte, s. Traube, PL. 3. 755. Es

sind alles kirchliche Bücher. Randnoten wohlvon seiner eigenen Hand haben sich erhaltenim Laudun.407, s.F.Lot, Moyen äge, 2 e ser.6, 438.