344 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
aber solle keine Simonie dulden, und wie er sich nicht durch Geschenkeund Schmeichelei bestechen lassen dürfe, so solle er auch für gerechteGrafen und Richter sorgen. Diese allgemeinen Grundsätze werden dannaus Pseudo-Cyprian *) erhärtet, und dann begibt sich Hincmar mit derBerufung auf die zwei Denare des Samariters, die mit dem Alten undNeuen Testament verglichen werden, auf ein ganz neues Gebiet: Er habenoch den ehrwürdigen Abt Adalhard von Corbie gekannt und dessen SchriftDe ordine palatii habe er gelesen und abgeschrieben. Dort stehe aber,daß die Ordnung und Leitung des königlichen Hofes sowie die stete undwachsame Sorge für die Bedürfnisse des Reiches nächst der VorsehungGottes die beiden wichtigsten Dinge für den Staat seien. Ohne weiterenÜbergang gibt nun Hincmar in Kapitel 13—37 ein längeres Exzerpt ausdiesem Werke Adalhards, das nur hierdurch teilweise erhalten ist. Zu-nächst erscheint hier eine ziemlich reichhaltige Übersicht der Hofbeamtenund ihrer Kompetenzen und Befugnisse und sodann eine kurzgedrängteDarstellung über die Regierung des Reiches und die dazu eingesetztenBehörden. Mit dem Wunsche, daß diese Einrichtungen der früheren Zeitfür die Gegenwart vorbildlich sein und daß die leitenden Persönlichkeitenden früheren an Tüchtigkeit und Einsicht gleichen möchten, schließt dieSchrift,die ein sehr wichtiges verfassungsgeschichtliches Denkmal der Zeit ist.
Auf ein anderes Gebiet war Hincmar geführt worden, als er imJahre 878 das Leben des heiligen Remigius beschrieb, das er der Geistlichkeitseines Sprengeis widmete. Diese Schrift zeigt das deutliche Bestreben,über die von Fortunat verfaßte Lebensbeschreibung des Remigius hinaus-zukommen, und um das zu erreichen, läßt der Verfasser auch gelegentlicheFälschungen zu, wie z. B. der ganze Bericht von einem ungemein volumi-nösen alten Werke, das zur Zeit Milos unter Karl Martell bis auf wenigeBlätter verloren gegangen sei, Erdichtung ist. Hincmar zeigt sich hierals Biograph in einem wenig günstigen Lichte, sein Werk ist mit denbesseren Heiligenleben der Zeit gar nicht in Vergleich zu stellen. Dennes kommt ihm nicht darauf an, die Wahrheit zu eruieren, sondern einErbauungsbuch für seine Kirche zu schreiben, das er aus Fortunats Vita,den Gesta regum Francorum und der Lokaltradition ohne Kritik und mitgroßer Leichtgläubigkeit zusammenstellte.
Von einer viel vorteilhafteren Seite aber lernen wir Hincmar alsHistoriker in den sog. Annalen von St. Bertin kennen, die eine west-fränkische Fortsetzung der großen Reichsannalen bilden und die von andrerSeite begonnen worden waren.
Prudentius hatte sich der Spanier Galindo wohl mit Bezug auf denchristlichen Dichter genannt, der ja auch aus Spanien stammte. Er warjung ins Frankenreich gekommen und hatte am Hofe seine Ausbildungerhalten. An ihn hatte ein fränkischer Hofdichter Verse gerichtet, dieliterarisch von Interesse sind. Er selbst stellte, wahrscheinlich für dieKaiserin Judith, Auszüge aus den Psalmen zusammen, um sie zu trösten;
') De XII abusionibus saeculi 6 und 9; I S. Hellmann, Texte und Untersuchungenseine Hs. gehörte zu den codd. deteriores, s. [ 34, 1, 27 n. 1 und S. 2.